Von verpassten Fähren und Pfeifen am Meer

22. Mai – 18. Juni Marokko, Aghroud

Urlaub ohne Ende hier. Zum 8. Juni ging eine Fähre nach Genua von der Deutsche Botschaft in Rabat organisiert. Die hätten wir wohl nehmen können, aber für eine einfache Überfahrt über 1200€ bezahlen (Normalpreis zwischen 400 und 600€). Es hieß, nur wer einen Anruf erhält von der Fährgesellschaft, kann buchen und fahren. Nach 3 Tagen Telefon anstarren kam dann tatsächlich ein total verwirrter Anruf aus Frankreich von einer Dame, die nicht einmal erkennen ließ, dass sie zu der – italienischen – Fährgesellschaft gehört. Wir vermuten nur, dass es der Bestätigungsanruf gewesen sein könnte, dass wir wirklich auf die Fähre können, keine 48 Stunden vor Abfahrt – bei 900 zu fahrenden Kilometern mit Straßensperren und Kontrollen alle 5km nicht zu schaffen und ehrlich gesagt dann auch keine Lust mehr.

Wir sind seit 22. Mai in Aghroud ca. 30km nördlich von Agadir am Strand und können uns nicht so recht entschließen was jetzt zu tun ist.

Danke Lukas für dieses schöne Foto von Aghroud!

Option 1: Bis 10.7. abwarten und gar nichts tun. Das ist das nächste Datum zu dem Marokko seine Grenze öffnen könnte und der reguläre Fährbetrieb wieder starten könnte. Das war nun aber bereits dreimal angekündigt und dreimal ist es nicht passiert. Zudem laufen so langsam unsere stillgelegten Verpflichtungen in Deutschland wieder an. 

Hier so herumstehen war bisher recht günstig. Jeden Tag essen wir frisches Gemüse mit Reis oder Nudeln. Frisches Brot gibt es im kleinen Fischerdorf täglich zweimal  und alles andere wie Kaffee, Milch, Käse, Bier, Wein können wir im 25km entfernten Agadir im Supermarkt kaufen. Also rund 350€ Kosten pro Monat. Aber bald müssen wir wieder Miete zahlen, die Krankenkasse, die Autoversicherung. Und dann wird es teurer und damit ungemütlicher. Wir hatten auch noch eine Menge vor, bevor es mit dem Arbeitsleben wieder losgeht. Diese Pläne lösen sich mit jeder weiteren Woche hier in Luft auf.

Option 2: Losfahren nach Norden ohne Ticket. Spanien und Frankreich organisieren die ganze Zeit Sonderfähren. Ist aber kaum möglich dafür als Deutsche ein Ticket zu bekommen weil Spanien und Frankreich natürlich ihre Landsleute zuerst rausbringen wollen. Was für ein Wahnsinn! Wir dachten, Europa würde wenigstens bei so einer verhältnismäßig kleinen Aufgabe an einem Strang ziehen. Weit gefehlt. Wir haben gehört dass es Deutschen trotzdem gelungen ist auf eine der Fähren zu gelangen. Die nächsten gehen zwischen 23. und 27. Juni.

Im schlimmsten Fall klappts nicht und wir stehen wochenlang mit tausenden französischen Rentnercampern auf einem Asphaltplatz bei Tanger statt wie jetzt mit Meeresblick im Süden am Strand. Die neuste Information lautet, dass man ohne Ticket nicht in den Hafen gelangt. Und dass es einen Corona Ausbruch ausgerechnet in dem Dorf etwa 120km vor Tanger gibt, wo sich die ganzen Europäer sammeln, um schnell auf die nächste Fähre zu gelangen (jedenfalls wenn sie nicht in Tanger auf dem Asphaltparkplatz campen wollen). Da wären wir auch hingefahren, wenn es keine Chance gegeben hätte, in den Hafen zu gelangen und man uns zurück fahren lassen hätte. Ist also eher keine Option.

Option 3: Hier bleiben und sich hartnäckig weiter um ein Fährticket bewerben. Seit heute gibts eine winzige Hoffnung auf frühzeitige Öffnung der Grenze Spanien Marokko. Spanien hat den 30.6. als Termin für die Öffnung auch für internationale Einreise angekündigt. Marokko hat von Erleichterungen des Lockdowns ab 20.6. gesprochen. Aus der spanischen Exklave Ceuta sollen ab nächster Woche wieder reguläre Fähren verkehren. Das nutzt uns aber nichts, solange Marokko und Spanien nicht auch die Grenze öffnen. Es kursieren viele Gerüchte darüber, was die marokkanische Regierung wohl als nächstes tun wird. Manche sagen regulärer Fährverkehr frühestens ab September. Andere denken schon nächste Woche. Mal sehen, was am 20.6. verkündet wird. Die deutsche Botschaft denkt darüber nach nochmals eine eigene Fähre nach Malaga zu organisieren. Wir haben Interesse angemeldet.

So lange heißt es weiter: Urlaub ohne Ende 😉

Seit 10. Juni ist Marokko in zwei Sektoren unterteilt, rote und grüne. In den grünen Provinzen (wie bei uns die Bundesländer) darf man sich nun wieder frei bewegen, Sport treiben, der öffentliche Nahverkehr hat mit 50% Kapazität seinen Betrieb wieder aufgenommen, Frisöre und Schönheitssalons dürfen öffnen. Man darf sich auf öffentlichen Plätzen aufhalten ohne Sondererlaubnis.

An manchen Tagen finden wir es großartig hier zu sein und nicht in Deutschland und genießen es, auch bestärkt durch unsere Freunde und Familie, die alle sagen: bleibt doch dort. An anderen Tagen denken wir an das grüne Deutschland, daran, was wir alles tun möchten, wenn wir zurück sind. Motorradfahren. Freunde treffen. Und wünschen uns, dass die Grenze sich endlich öffnen mag….

Im Urlaub ohne Ende lässt sich manches vielleicht doch leichter ertragen scheint mir, weil wir ohnehin durch die lange Reiesezeit einen Ausnahmezustand geschaffen haben. Weil wir sowieso aufgebrochen sind, ohne zu wissen, in welches Deutschland und in welcher Stimmung und mit welchen Plänen wir zurück kommen werden.

Alle Europäer, die jetzt immer noch hier sind, haben sich irgendwie mit dem Ausnahmezustand arrangiert. So auch wir.

Zwar sind wir nun am Meer, aber es herrscht nach wie vor der Gesundheitsnotstand hier. Die Strände sind generell geschlossen. Soll heißen, wir schauen zwar auf den Strand und das Meer nur wenige Meter entfernt von uns, dürfen aber nicht hin geschweige denn hinein.

Genau wie die Marokkaner tun wir das natürlich trotzdem täglich mehrmals. Zwei Militär, zwei Gendarmen und ein lokaler Mann mit roter Armbinde haben die Aufgabe, den 2km langen Strand menschenfrei zu halten.

Da bisher keine Strafen ausgesprochen werden, sondern nur mündliche Ermahnungen, ist das ein ganz schönes Katz und Maus Spiel mit unseren Aufpassern. Sie tragen Pfeifen und am letzten Wochenende, als alle Familien nach 3 Monaten totalem Ausgangsverbot endlich mal frische Luft schnappen wollten, ist die Pfeife ohne Unterlass gegangen. Kaum haben die Uniformierten sich herumgedreht sind schon wieder Menschen im schnellen Spurt losgerannt, um wenigstens kurz ins kühlende Wasser zu kommen. Dann Pfeife, Ermahnung, Rückzug. Und alles wieder von vorne.

Früh Morgens vor Dienstbeginn und spät am Abend strömen dann alle an den Strand, nicht ohne sich verstohlen umzuschauen, ob doch noch ein Pfeifenkopf übrig ist. So gut wir den Sinn der Übung verstehen, so wenig können wir uns daran halten. Zu schön ist die Kühle des Meeres bei nun langsam sehr sommerlichen Temperaturen tagsüber. Zu angenehm das Laufen am Strand. Zu wahnsinnig die Vorstellung, sich selber oder jemand anderen durch das alleine laufen oder baden am Strand anzustecken. In der Region hier ist seit 4 Wochen kein einziger Coronafall bekannt geworden.

Natürlich. Wenn hunderte aus der Stadt den Strand befallen sieht es anders aus. Und man kann auch nicht den wenigen Anrainern erlauben, was den Städtern verboten bleibt. Und so bleibt es bei der stillschweigenden Vereinbarung zwischen Aufpassern und Überwachten. Augenzwinkern inklusive.

Um unseren Wagen herum lebt ein Hunderudel. 8 Weibchen und ein alter Rüde. Deren größter Spaß ist es, Spaziergänger am Strand zu jagen oder lästige Quads zu vertreiben oder rudelfremde Hunde. Sie sind harmlos, aber wenn alle neun auf einmal angejagt kommen, ist das schon beeindruckend.

Thio, der kleine Prinz, hat sich mit ihnen angefreundet und schreitet jeden Morgen mit königlich aufgerichtetem Siegerschwanz das Revier ab, umgeben von mindestens vier der durchtrainierten und anderen Rüden gegenüber durchsetzungsstarken aber ihm gegenüber unterwürfigen Weibchen.

Dass sie ihn nur so umschwärmen, weil wir sie und ihre fünf Welpen regelmäßig füttern, haben wir ihm nicht verraten. Wir wollen ihm schließlich den Spaß nicht verderben. Seit neuestem schlafen auch die fünf Welpen des Rudels bei uns unterm Wagen, weil der französische Caravan neben uns, der sie bisher beherbergt hat, ein Ticket für die nächste französische Fähre bekommen und sich auf den Weg nach Norden gemacht hat. Heute morgen haben alle 5 Welpen in Roberts Feuerstelle gelegen und geschlafen.

Unter Einsatz unseres Lebens (die Pfeifer!)  haben wir gestern eine riesige Schale voller Muscheln gesammelt. Die kleinen Sandhäufchen die sie aufschaufeln um zu atmen zeigen bei größter Ebbe genau an, wo man sie finden kann. Mit Löffel und Eimer bewaffnet hocken wir dann am Strand und hüpfen von Sandhaufen zu Sandhaufen bis unser Eimer voll ist, der Rücken schmerzt oder eine Pfeife trillert und wir zum 1000. Mal überrascht in das Gesicht eines Ordnungshüters schauen, der uns sagt „la plage est interdit“. Und uns nach Hause schickt. Mit den hängenden Schultern eines Sünders treten wir dann willig den Rückweg zum Wagen an und freuen uns heimlich auf das leckere Abendessen…..

So. Jetzt kommt die Sonne um die Ecke, ich werde erstmal noch ein paar Fotos machen für Euch und dann mal schauen, ob die Pfeifen am Strand sind oder ich ins Meer springen kann.

2 Kommentare zu „Von verpassten Fähren und Pfeifen am Meer

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