Lockdown in Marokko III Die Quelle

2. März bis 12. März

Unser Lockdown Domizil

Ich habe von der Quelle aus täglich das Geschehen im Internet verfolgt (es ist mir immer noch unklar, wie die Marokkaner das 4G an solch eher entlegene Orte bringen) und irgendwann darauf gedrängt, einen größeren Einkauf für etwa 4-6 Wochen in Guelmim, der nächsten größeren Ortschaft, zu tätigen, um notfalls mehrere Wochen in der Wüste oder den Bergen zu verbringen. Zurück von diesem Einkauf wollte Robert gerne noch eine letzte Nacht in Fask bleiben und dann losfahren. 11 fantastische Wochen in der Wüste folgten.

Die Quelle bei Fask. Dunkle kahle Berge mit Falten überzogen, die Wind, Hitze und Wasser geformt haben, rahmen unser Panorama. Aufgereiht wie eine Kette blicken sie über das Becken von Fask nach Südosten, wo die Sahara beginnt.

Bei klarem Himmel erscheinen hinter dem markanten Bergzug im Osten der Ebene die ersten Gipfel des Anti Atlas. Im Südosten schaut eine rotfelsige Hügelkette zurück auf den Ort. Darin eingebettet liegt im Schwemmbereich eines Oueds der beschauliche Ort Fask etwa sieben Kilometer entfernt.

Das Oued schiebt sich zwischen zwei Bergen eine Klamm hinunter, die das Wasser in den Boden aus kalkigem Schlamm gegraben hat.

Mit jeder Stunde des Tages wechselt die Landschaft Form und Farbe. Grell flirrend am Tag, in sanftes sonniges gelb gehüllt am Abend, zum Sonnenuntergang in allen Schattierungen von rot und lila. Die Wolken malen ihre Muster auf die Ebene. Rot leuchtet der Turm der Moschee in der Abendsonne, die ihre Strahlen lang über die Ebene wirft.  Von Sonnenstrahlen getroffen senden die Fenster der Häuser ihre Lichtbotschaften in die Ebene.

Das Becken von Fask ist durch ein breites Oued zweigeteilt. Wütender Dezemberregen flutet die Ebene in wenigen Stunden. Auf dem Weg in die Ebene reißt das Wasser Steine, Büsche und Schlamm mit sich, gräbt neue Spuren in die Berge. Unzählige Rinnsale vereinen sich zu Bächen und strömen in das breite Oued, die Lebensader von Fask.

Aus pulvrigem weißem Staub wird zäher Morast. Nur die immergrünen Spitzen der Dornbüsche ragen noch aus dem Wasser. Fask liegt nun am See. Der Himmel wird von der Ebene zurück geworfen. Der Glanz des Wassers wetteifert mit den Schatten der ziehenden Wolken auf den Bergen.

Wir erreichen Fask im März. Das Dezemberspektakel ist vorbei. Nur die Palmen im Oued verraten, dass es zu anderen Zeiten hier Wasser gibt.

Nomaden haben ihre Zelte aufgebaut. Die weißen Zeltwände leuchten Kilometerweit. Bunte Tücher im Eingang hindern neugierige Blicke am Eindringen. Landrover aus der französischen Besatzungszeit haben die Esel ersetzt. Motorräder die Reitkamele der Hirten.

Unförmige Dromedarkörper traben auf tellergroßen Hufen hintereinander her. Kopf an Arsch an Kopf an Arsch. Nur Silhouetten gegen das gleißende Licht des sich neigenden Nachmittags. Die Schreie der Muttertiere durchbrechen die Stille der Halbwüste.

Wind treibt in Böen Sand aus der Ebene vor sich her. Spielt mit dem weißen Staub. Wirft ihn hoch in die Luft. Lässt ihn wirbeln und sich in luftige Höhen drehen.

In den ersten Wochen unseres Aufenthalts standen wir mitten auf der Ebene, direkt über dem ausgetrockneten Bett des Oueds.

Die Attraktion, die uns und andere Reisende herzieht, ist ein unscheinbares Metallrohr. Es ragt einen Meter hoch aus dem Boden und wurde auf der Suche nach Wasser in den Boden getrieben. In 200 Meter Tiefe fand man heißes schwefliges Wasser.

Notfalls kann man das Wasser trinken, wir benutzen es zum Kochen und haben eine Weile lang mit unserer Filteranlage schmackhaftes Trinkwasser daraus gemacht. Funktioniert.Aber das eigentliche Vergnügen ist, dass man darin baden kann. Angeblich haben ein paar französische Piraten im ausgebauten LKW, die zum Start der Quarantäne einige Wochen hier waren, die Bohrstelle vor 12 Jahren entdeckt und auch den Hot-Pot in den sandigen Wüstenboden gegraben.

Als wir hier ankamen, war noch viel Kommen und Gehen von anderen Reisenden, meist mit selbst ausgebauten Wagen älteren Jahrgangs wie unserem. In der Hauptsaison im Winter sind die Stellplätze am Meer und in den Oasen voll, die offiziellen genau wie die inoffiziellen. Nur 80 Kilometer vom Meer entfernt und knapp 200km von Agadir sind das Bad im warmen Wasser und die Ruhe eine angenehme Abwechslung zum trubeligen Leben an der Küste. Man kommt, badet ein oder zwei Tage, nutzt die Gelegenheit seine Wäsche zu waschen und fährt weiter.

Robert aber liebt das baden in dem heißen Wasser so sehr, dass er täglich mehrere Stunden darin verbringt.

Meine vorsichtigen Nachfragen, wann wir wohl weiterfahren können, um endlich in meine geliebten Berge zum Wandern zu kommen, beantwortet er bestenfalls ausweichend. Mañana Mañana würden die Spanier sagen. Inshallah die Marokkaner. Wir werden sehen, sagt Robert. Und so wurden aus 3 Tagen 3 Monate.

Vor dieser Reise war mir gar nicht bewusst, wie sehr ich es liebe, mich in gebirgigen Regionen zu bewegen, die sich immer wechselnden Aussichten zu genießen, die kleinen Flüsse und Bäche, die Flora und Fauna, aber vor Allem, nach einer langen Wanderung oben auf einem Berg zu stehen, die Aussicht zu genießen, den Wind zu spüren und dieses Gefühl zu haben für Momente gewichtslos zu sein und allen weltlichen Gedanken entflohen zu sein. Tatsächlich sollten wir diesen Zustand in der Wüste wiederfinden.

Nun sehen wir die Berge zwar mehr, als dass wir uns in ihnen bewegen, aber das Licht- und Schattenspiel auf den Bergrücken ist faszinierend und wir werden nicht müde, uns diese nur scheinbar karge Region anzusehen.

Im nächsten Artikel stellen wir Euch unsere Crew in Fask vor und erzählen von einem Alltag ohne Strom, ohne Trinkwasser, dem nächsten Markt in 7 Kilometer Entfernung. Bei totaler Ausgangssperre. So viel sei verraten: In der langen Zeit mussten wir nur ein einziges Mal mit dem Igl unser „Versteck“ verlassen….

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