Lockdown in Marokko IV Im Coronadorf

22. März – 25. April 2020

Immer noch an der Quelle in Fask. Bis etwa Mitte April waren wir eine zufällig zusammengewürfelte kleine Schicksalsgemeinschaft von 11 Wagen, darunter 2 Schweizer, 3 aus Deutschland, einer, der tut als sei er aus Großbritannien, aber eigentlich auch Deutsch ist, ein Niederländer, ein Amerikaner und zwei Franzosen. Die kleine Truppe könnte unterschiedlicher kaum sein. Unsere Gemeinsamkeiten erschöpfen sich darin, dass wir alle temporär oder dauerhaft in unseren Wagen leben und uns entschieden haben, vorerst hier zu bleiben.

Wir haben keine Wagenburg gebaut, die Wagen stehen etwa 50 bis 100 Meter weit voneinander entfernt, was ich persönlich sehr angenehm finde.

Nachdem wir fast einen Monat an diesem Platz waren, stellten sich erste Routinen ein. Zum Einkaufen hatten sich Fahrgemeinschaften gebildet, da Marokko die Regel ausgegeben hat, dass pro Wagen nur eine Person zum Einkaufen gehen kann. Manche Faskies fahren regelmäßig los, um sich die Langeweile zu vertreiben. Gut für uns. Wir fahren mal hier mal da mit. Und müssen so selber nur einmal losfahren.

Im etwa 7 Kilometer entfernten Fask, aber auch im 30km entfernten größeren Guelmin sind fast alle Geschäfte geschlossen, kaum jemand bewegt sich auf der Straße, auch der sonst so lebhafte Souk ist verwaist. Und trotzdem ist die Versorgungslage für uns gut, denn unmittlbar vor der Stadtgrenze von Guelmim gibt es einen großen Supermarkt, Marjane, in dem man quasi alles bekommt was man zum Leben braucht. So ähnlich wie Real. Und so lassen wir es uns mit viel Milchkaffee und reichlich Pizza gut gehen. Und auch Thio kommt auf seine Kosten und bekommt so oft es möglich ist rohes Fleisch mit Reis, sein Lieblingsessen.

Obwohl wir sonst gern auf dem Markt einkaufen ist es jetzt gut, alles an einem Ort zu bekommen. Wenn man den Supermarkt betritt, steht da jemand, der mit einer Blumenwasserspritze die Hände desinfizert. Ob das wirklich etwas hilft? Schon früh gab es hier Maskenpflicht und die Kassiererinnen sitzen alle hinter einem hohen Plastikschild. Die Marokkaner sind sehr diszipliniert. Besonders beeindruckt uns ihre gleichbleibende Freundlichkeit.

Alle Coronadörfler richten sich auf einige Wochen Wüste ein und beginnen ihr Umfeld zu gestalten. Da werden Schlafhöhlen gebaut, um windgeschützt unter Sternen zu schlafen. Wasserkonstruktionen eingerichtet für das schnelle Händewaschen, Schläuche mit Pumpe in die Quelle gelegt, um die Waschmaschine (sic!) zu betreiben, Strom zu den Wagen ohne Solaranlage gelegt, Außenküchen eingerichtet, Windschütze aufgeschüttet, Terassen aus festgetretenem Sand geschaufelt, Feuerstellen gegraben, Wäscheleinen gespannt und Hängematten festgezurrt.

Lange war ungeklärt, ob wir gegen die Ausgangssperre verstossen, wenn wir hier so herumstehen. Denn einerseits sind wir ja in unseren Bussen zuhause, andererseits laufen wir natürlich wenn uns danach ist draußen herum. Und da wir nun alle schon so lange hier sind, machen wir uns auch wenig Gedanken über eine Ansteckung. Die könnte höchstens von außen in unsere Gruppe hereingetragen werden.

Noch so ein Ritual: während tagsüber alle weitgehend für sich sind, treffen sich die meisten Abends kurz vor Sonnenuntergang nochmal im HotPot. Da werden dann die Geschichten des Tages ausgetauscht. Dass ab und zu eine Herde Kamele vorbeikommt ist für alle eine willkommene Abwechslung und schon bald selbstverständlich. Auffällig oft fragen sich auch alle gegenseitig, wie es den anderen geht. Und da fällt auch wieder auf, wie unterschiedlich die Menschen sind. Während es Manchem rein gar nichts ausmacht, lange Zeit an einem Ort zu sein mit wenig Reizen von außen, werden andere schon nach wenigen Tagen unruhig.

Zugegeben, das Repertoire ist begrenzt, aber ausser dass uns jetzt schon länger ein gutes Konzert fehlt, haben wir eigentlich alles was wir brauchen. Gehen uns die Bücher aus laden wir ebooks herunter.

Wer lieber zuhört oder schaut, besorgt sich Filme oder Hörbücher. Über Whatsapp, Telegram und Messenger sind wir mit allen verbunden, die uns lieb und teuer sind und bekommen zudem mit, was in der Welt vor sich geht.

Da wir uns draußen aufhalten können geht spazieren, joggen, Yoga genauso wie meditieren und mit dem Hund spielen. Da wir am Wasser stehen können wir waschen, spülen und baden.

Wir haben Gesellschaft. Wer arbeiten möchte kann arbeiten, Maroc Telekom sei dank. Das Leben ist sehr sehr günstig, wenn man so lebt wie wir. Was will man mehr?

Wenn es uns am Anfang der Reise erwischt hätte wären wir ganz sicher nicht so entspannt. So wie die drei jungen Schweizer mit dem blauen LT oder die drei Deutschen im gemeinsam gekauften Landi. Die waren auf dem Weg nach Süden und sind jetzt nur bis Marokko gekommen. Und beide Teams sind noch recht jung, unter 30. In dem Alter wäre ich vermutlich täglich mehrfach an die Decke gegangen.

Am 18. April feiern wir Roberts Geburtstag. Er hat einen Kuchen bekommen, einen großen Haschkeks und ein neues Album von Käptn Peng.

Mitte April hat sich die Lage nochmal geändert. Der König von Marokko hat die Ausgangs- und Reisesperre am 20. April um einen Monat verlängert und auch die Grenzschließung soll nun bis zum 31. Mai 2020 gehen. Die Corona Fälle in Marokko sind gestiegen. Hier in der Region von einem auf rund 30 Fälle, in den Großstädten Casablanca und Marrakesh aber deutlich mehr. Das war für viele aus unserem Coronadorf Anlass, die eigene Lage noch einmal zu überdenken.

Ein Schweizer ist nach Tanger aufgebrochen und hat dort auf der einzigen Fähre, die seit März abgelegt hat und deren Fahrt extrem unwahrscheinlich war, einen Platz bekommen. Er ist seit Ende April in der Schweiz. Zwei Wagen sind etwa 80 Kilometer von hier auf einem Campingplatz, weil sie nach der Abfahrt des Schweizers keinen Strom mehr hatten und den stetig wehenden Wind nicht mehr ertragen konnten. Nun haben sie zwar einen Pool und Strom, dürfen aber den Campingplatz nicht mehr verlassen. Nicht mal zu Fuß. Zwei sind mit einem Sonderflug nach London geflogen. Der Dritte ist mit dem Wagen hier geblieben. Im Moment ist er am Meer. Die Fähre für die er am 9. Mai ein Ticket hatte, durfte keine Passagiere mitnehmen. Sein Ticket wurde auf Anfang Juni umgebucht. Einer ist ans Meer gefahren, weil ihm die Quelle zu langweilig wurde und ein anderer, weil er hofft, dass die Sperre am 20. Mai aufgehoben wird und er in Agadir noch einige Sachen besorgen möchte. Eine ist Botanikerin und hat sich eine Sondergenehmigung besorgt um heimische Pflanzen zu katalogisieren.

Und so sind seit nun bald zwei Wochen nur noch zwei Wagen hier. Es ist noch viel ruhiger geworden. Und wir sind um etwa einen Kilometer weit umgezogen, auf den alten Platz vom Landi, weil uns der Wind zunehmend an den Wagen gefesselt hatte. Draußen sitzen oder Feuer machen wurde unmöglich. Der Wind weht im April und Mai stetig und stark über die Ebene und treibt jede Menge staubigen Sand vor sich her.

Manchmal schaukeln sich die Böen zu riesigen Windhosen auf, in die man dann besser nicht hineingerät. Auch ohne direkt in eine Windhose zu geraten hat sich über alles im Wagen eine dicke Staubschicht gelegt.

Von den Scheibenwischern, unter denen wir nach dem Waschen unsere Socken trocknen, damit sie nicht vom Wind davon getragen werden, wische ich regelmäßig einen Zentimeter rotgelben Sand. Und vom Display meines Telefons puste ich im Minutentakt den Sand.

4 Kommentare zu „Lockdown in Marokko IV Im Coronadorf

    1. Ja! Erstaunlich wie ich finde! Einmal ist mir das Telefon mit der Ladebuchse in den nassen Sand gefallen. Da hat es dann erstmal 2 Tage nicht geladen und ich dachte schon es ist vorbei. Abet als es trocken war und ich es von Sand befreit hatte ging alles wieder ganz normal….

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  1. Jetzt weiss ich auch, wie du den Blog hier so toll hinkriegst: Externe Tastatur! 🙂 Hatte mich das schon die ganze Zeit gefragt, ob du das alles ins kleine Handy tippst 🙂

    Grossartige Geschichten! DAnke!

    Bis bald in B.!

    Liebe Grüße von Barbara

    Gefällt 1 Person

  2. Huhu nach Berlin von der Mosel! Das.mit der externen Tastur hat funktioniert, aber nächstes Mal werde ich trotzdem einen Rechner mitmehmen. Die Programme sind einfach schneller und sowas wie Bildbearbeitung oder Texzformatierung kostet viel zu viel Zeit mit dem (günstigen Samsung-) Pad….

    Bis ganz bald in Berlin!

    Herzlichst gegrüßt,

    Eva u Robert

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