„Die Erde ist Rund“ bzw. Ich will los…

Gerade habe ich die Beute meines heutigen Tages ausgepackt und beim Anblick des Berges an Dingen bin ich ein wenig erschüttert. Wenn dieser Berg nicht nach mittelwesteuropäischem Kontrolldenken aussieht, ja, dann weiß ich auch nicht.

2014-08-23-506Irgendwie wollten wir uns, besser wollte ich mir, mit der Reise auch beweisen, dass die Menschen, die Natur und das Erleben Anlass genug sind, zufrieden und glücklich zu sein, und das ganze Zeug, das man sich so im Laufe der Zeit anschafft und auflädt, ablenkt vom Eigentlichen. Dass die ganzen Konsumangebote tierisch nerven und zu Stress führen. Dass wir mehr Dinge selber tun möchten, mehr direkt erleben, mehr zulassen, weniger kaufen, weniger besitzen, weniger kontrollieren und so weiter.

Und nun geben wir praktisch jeden Tag eine solche Menge Geld aus, dass mir ganz schwindlig davon wird. Wir haben unsere Freunde in den letzten Wochen nur selten gesehen und gesprochen. Da waren Öle für den Magirus wichtiger. Oder neue Transport-Kästen, um mehr Dinge befördern zu können. Oder Werkzeuge, in doppelter Ausführung. Oder neue Batterien und Reiseführer für mehrere Länder 2014-08-23-508und diverse Kabel, um unterwegs diverse Geräte zu laden. Nicht zu vergessen die Versicherungen und eben die Reiseapotheke. „Darfs noch eine Zeckenzange sein?“ fragt die freundliche Apothekerin, als der Medikamenten-Berg schon groß ist. „Aber ja, die hätte ich ja fast vergessen“ höre ich mich sagen und zack ist das Ding gekauft. Ist das notwendig? Sich für alles absichern? Alles planen?

Um ehrlich zu sein, denke ich schon seit einigen Tagen darüber nach, ob der Magirus nicht ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit fordert und statt uns Freiheit zu schenken, neue Zwänge mit sich bringt. Ob meine alte romantische Idee vom Rucksack aufsetzen und Tür hinter sich zumachen nicht nur die (ohne Frage) ökologischere, sondern auch die unmittelbarere Art zu Reisen gewesen wäre. Kurz, ob wir in die Falle getappt sind, die Peter Bichsel seinem Protagonisten in „Die Erde ist Rund“ gestellt hat. Meiner Lieblingsgeschichte. Nämlich so lange vorzubereiten und alle erdenklichen Zwischenfälle vorauszusehen und für alles Vorsorge zu treffen, dass man darüber vergisst aufzubrechen.

Vetter vom MagirusAber dann…begegne ich auf dem Weg zur Bibliothek dem Vetter vom Magirus, einem alten Baukran. Ich bleibe stehen und staune und fotografiere ihn von allen Seiten und denke „so ein schöner Kerl“ und schon bereue ich, dass ich dem Magirus in die Schuhe schieben wollte, was ich selber zu verantworten habe. Ich bin es schließlich, die den Stress macht und die Versicherungsbedingungen dreimal liest und sich die Zeckenzange aufschwatzen lässt. Ich bin es, die sich erst nicht an die Bohrmaschine traut und sich nachher beschwert, dass es nicht vorwärts geht. Ich bin es, die statt mit einem Aluwinkel und dem Scheinwerfer Stabilitätsübungen zu machen, Mitnehmlisten schreibt. Und ich bin es, die den Tag heute zuhause 2014-08-20-485statt bei der Vorbereitung des Dicken in der großen im Grünen Süden von Berlin gelegenenen Halle eines verbringt, wo wir dank eines netten Menschen, Gastschrauben dürfen, um Reiseführer zu kaufen, Reiseapotheke, diverse Kabel für diverse Geräte usw, Ihr wisst schon, was noch fehlt. So viel zu selber machen und unmittelbar erfahren.

Der Dicke Magirus hingegen schnurrt schon seit Tagen wie ein Kätzchen und wartet darauf, dass wir endlich losfahren. Sein Öl ist schon seit letzter Woche für die nächsten 20.000km aufgefrischt. Noch vier bis fünf Tage Geduld, dann gehts los. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Beim nächsten Mal kennen wir das alles schon und wissen besser was wir brauchen und was nicht. Wenns uns mit dem Magirus nicht gefällt, trampen wir eben das nächste Mal. Oder laufen. Darauf hab ich mich erstmal ein halbes Stündchen in die August-Nachmittagssonne gesetzt und die Wärme genossen.

Hach, ich freu mich.

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