Slowakei – ins Leben geworfen

Wir wollen so lange wie möglich in der Slowakei bleiben. Das bergige Land mit seinen freundlichen Bewohnern gefällt uns gut. Deshalb wählen wir eine kleine Straße, die paralell zur Grenze nach Ungarn verläuft. Sie windet sich durch ein tiefes Tal zwischen laubbewaldeten Bergen hindurch.

Wir machen stopp in Lucenec, einer nicht weiter erwähnenswerten Kleinstadt, und checken Mails, was leider aufgrund der Schwierigkeiten, mit dem Dicken in die Innenstadt zu kommen, mal wieder länger dauert als geplant, weshalb wir zum Übernachten einmal mehr auf einer Wiese nahe einer Seitenstraße landen. Sehr schöner Blick!

Abends hören wir den Kuhhirten, der seine Herde unter lautem Rufen den Berg hinauf treibt und später, als der Verkehr im Tal verebbt, die Glocken der Kühe. Wir fragen uns wie lange wir dieses Geräusch nicht mehr gehört haben. Das Bemerkenswerte an diesen dörflichen Gegenden ist die Gleichzeitigkeit von Ultramoderne und sehr einfachem Leben. Überall gibt es Wifi, durch die Täler rasen hochmoderne LKWs, aber die Menschen leben auf wenigen Quadratmetern teils ohne fließend Wasser. Wir vermuten, dass sie die täglichen Mahlzeiten aus dem bestreiten, was das wenige Land, die Kuh und die paar Hühner, die sie besitzen, hergeben. Arbeit kann es hier nicht viel geben. Wir fragen uns, was der Kuhhirte über die Menschen und Orte weiß, die die LKWs anfahren und ob er mit Computern oder dem Internet vertraut ist. Also inwiefern sich diese beiden Welten durchdringen oder aber nur nebeneinander her laufen.

Wir unterhalten uns Abends lange darüber, dass jeder Mensch in seine Kultur, sein Umfeld geboren wird und die wenigsten aus dem durch Familie, Kultur und Klima vorgegebenen Weg auszubrechen vermögen. Dies betrifft den Kuhhirten genauso wie uns selber. Schon allein deshalb, weil ein anderes Leben als das, in welches wir geworfen wurden, gar nicht oder nur schwerlich vorstellbar ist. Was verstehen wir denn wirklich von dem was wir unterwegs sehen? Auf den ersten Blick scheint mir das Leben des Kuhhirten vorbestimmt und eng. Dann beginne ich darüber nachzudenken und frage mich, ob er mein Leben nicht ebenfalls als vorbestimmt und eng empfinden würde. Was sagt wohl der Kuhhirte zu all dem Blabla vom American Dream, der doch nur davon handelt, dass man aufsteigen möchte, seine Chancen selber erschaffen muss, sich selbst optimieren soll? Als würde es im Leben darum gehen, aufzusteigen oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen, zum Beispiel Millionär zu werden. Vielleicht fragt der Kuhhirt nicht danach, etwas anderes zu sein und gerade deshalb ist er glücklich so als Kuhhirt und meine oder die Welt der LKW Fahrer interessiert ihn gar nicht, hat er doch alles was er braucht?

Sehe ich das zu romantisch?

Am nächsten Morgen fahren wir ins Dorf, um Milch und Brot zu kaufen. Als wollte er unsere gestrigen Überlegungen untermalen, ruft schon von Weitem ein Cafebesitzer über den Platz, auf Deutsch natürlich. Er lädt uns zum Kaffee ein und erzählt seine Geschichte. Er ist ägyptischer Abstammung, hat lange Jahre in Österreich gelebt und gearbeitet, dann wenn ich es richtig verstanden habe, seine slowakische Frau kennengelernt, die zwei Töchter im Teenageralter hat und ist mit ihr in dieses kleine Bergdorf gezogen. Zusammen haben sie das Cafe ausgebaut, es blitzt und blinkt wie ein Großstadtcafe und ist leider für die Dorfbewohner viel viel zu teuer.

Da ist es wieder. Es ist nicht leicht aus seiner Haut zu kommen oder auch nur eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie andere Kulturen ticken. Seit einem halben Jahr ist das Cafe geöffnet und trotz der wenigen Kundschaft wollen beide bleiben, bis die Töchter die Schule beendet haben. Auch stellt sich heraus, dass der Cafebetreiber gut verdient hat in Österreich, aber am Ende so gestresst war, dass er auf das Geld gerne für eine Weile verzichtet. Erinnert mich irgendwie an jemanden 😉

Nun sitzen sie beide Tag für Tag in ihrem Cafe, in das kaum jemand kommt. Im Sommer haben sie Eis verkauft, das ging gut, aber nun ist die Saison vorbei und die Dorfbewohner grüßen zwar alle Nase lang sehr freundlich zur Tür herein, doch einen Kaffee wollen sie nicht bestellen. Seit Wochen warten sie auf die Mitarbeiter des Hygieneamtes, damit sie wenigstens endlich die belegten Brötchen verkaufen können, aber niemand taucht auf. Einige Geschichten über wahnwitzige slowakischwe Verwaltungsbestimmungen und Berhördenerfahrungen später (von denen wir mittlerweile auch einige erzählen können) verabschieden wir uns herzlich.

Innerlich bewerte ich die Cafeeröffnung des Ägypters als gescheitert. Zum Abschied sagt der Cafebetreiber auf unsere guten Wünsche für sein Cafe und seine Familie hin: Wir haben immer Glück, also haben wir auch diesmal Glück, da bin ich sicher.

Und das glauben wir ihm.

6 Kommentare zu „Slowakei – ins Leben geworfen

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