Mtsketha – Wir drücken uns vor Tbilisi

Wenige Kilometer vor Tbilissi gelingt es uns noch ein letztes Mal, die anstrengende Fahrt in die Stadt, die dort meist nervige Orientierung und das oft eher unattraktive
Stellplatzerlebnis herauszuschieben. Wenn wir ehrlich sind, haben wir überlegt, ob wir Tbilisi aussparen sollen und stattdessen lieber noch ein paar Tage die Landschaft genießen und wandern gehen. Aber Georgien ohne Tbilissi? Jede einzelne Straße des Landes führt irgendwann über die Hauptstadt. Wir können gar nicht anders, wir müssen hindurch. Also gut.

Aber vorher machen wir einen Abstecher nach Mtskeths, der alten Königstadt Georgiens nur wenige Kilometer von der Weltstadt Tbilisi entfernt, an der Mündung zweier der Hauptflüsse des Landes wunderschön gelegen.

Wir finden schnell einen Stellplatz und entern die Stadt. Irgendwie haben wir uns mehr davon erhofft. Zwar ist dies das erste Städtchen seit wir die Türkei verlassen haben, das man als gediegen bezeichnen kann, aber wer nicht in Tbilisi sein Vermögen gemacht hat und sich hier ein schönes Landhaus kaufen konnmte, lebt hier vom Tourismus. Und so laufen wir mit abwehrenden Handbewegungen die schmale Gasse vom Hauptparkplatz zur Kathedrale entlang.


Nein, wir möchten keine getöpferten und braun lasierten Kirchen. Nein, wir möchten keine bestickten Plastikschals, die behaupten sie wären aus Seide. Und nein, wir möchten auch keinen überteuerten Wein aus Georgien (20€ die Flasche, WTF…???). Ebenfalls keine überdimensionierten Schafswollmützen, obwohl mir die Finger gejuckt haben. Anderen offensichtlich auch, das aufziehen der Mütze mit unvermeidlich darauf folgenden Foto kostet einen Euro. Wir brauchen auch kein Hotel, nein, wirklich nicht. Und auch keinen Führer für die Kirche.

Wir schieben uns noch an 10 gemütlich in der Toreinfahrt zum Innenhof der Kathedrale sitzenden alten Damen vorbei, die dann gar nicht mehr vorgeben etwas verkaufen zu wollen, sondern einfach so und schlecht gelaunt die Hand aufhalten. Dann stehen wir endlich im Innenhof der wunderschönen Kathedrale, für deren Besichtigung wir dann einige Zeit benötigen, so viele verschiedene Bilder und Malereien finden wir dort vor. Nach den vielen halbfertigen Kirchen und Felsenklöstern genießen wir den Prunk dieser Kathedrale, ihre Vielfalt und Farbenfreude, ihre Erhabenheit und Größe. Robert schießt wie immer unendlich viele wunderschöne Fotos von den Fresken, den Ikonen, den Kuppeln und Fensterbildern.

Besonders ein Wandbild gefällt uns gut, in dem auf ca. 10 mal 10 Metern die gesamte christliche Geschichte abgebildet ist. Von Adam und Eva, über die Geburt und Kreuzigung Jesus‘ bis hin zur Apokalypse. Das lässt sich leider nicht richtig fotografieren, man muss davorstehen, um es zu erfassen.

Als wir den Innenraum wieder verlassen ist es dunkel – und niemand mehr ist auf der Straße. Jetzt würden wir gerne etwas zu Essen angeboten bekommen, allein, es gibt nichts. Wir laufen eine Zeitlang ziellos durch die Straßen und wundern uns, woher der Reichtum dieser Stadt kommt, der im krassen Gegensatz zur sonstigen Armut des Landes steht.

Als wir an einer Ecke frisches Brot kaufen wollen, aber nur mit großem Geld aufwarten können, bezahlt ein Soldat ehe wir es bemerkt haben unser Brot und verschwindet bevor wir uns bedanken können.

Gegenüber der Bäckerei finden sich viele Menschen in schwarzer Kleidung ein. Sie versammeln sich vor einem Haus. Mehr und mehr Menschen strömen herbei und alle drängen in den Vorgarten, in die Küchenräume und die Treppe hinauf in die Wohnräume. Wir vermuten, dass ein für die Stadt wichtiger Mensch gestorben ist und die Verwandten, Freunde und Bekannten nun ihren Beileidsbesuch abstatten. Auf der weiteren Reise sehen wir eine solche Versammlung noch häufiger und irgendwann dann auch den Sarg eines Verstorbenen, der gerade aus dem Haus getragen wird und unsere Vermutung bestätigt. Eigentlich eine schöne Sitte gleich dann sein Beileid auszusprechen, wenn der Schreck über den Tod, die Trauer um den Verstorbenen sind und nicht erst Tage später, wenn man sich vielleicht schon wieder gefasst hat wie bei uns. Ich kann mir vorstellen, dass es sowohl den nahen Angehörigen Trost spendet, als auch für die anderen Menschen den Tod, der uns sowieso alle ereilt, normaler macht. Zu etwas, das genauso dazu gehört wie eine Geburt eben.

Auf dem Weg zurück zum Maggi finden wir dann doch noch ein kleines Restaurant mit landestypischen Gerichten und essen Khinkali, die georgische Form von gefüllten Teigtaschen, Kebap, Auberginen mit Walnussosse. Nicht überragend, aber OK.

Der nächste Morgen begrüßt uns mit schönstem blauen Himmel. Wir bummeln noch einmal durch die Stadt, rasten am Fluss, schreiben eine handvoll Postkarten und bewundern einmal mehr die verfallende sozialistische Infrastruktur. Wir finden endlich eine Erklärung dafür, warum wir immer wieder großen Jeeps mit riesigen Antennen begegnen, die auf ihren Nummernschildern EUMM und eine Zahl tragen. Es handelt sich um eine Europäischen Beobachtungs Mission, die in den zwei Kriegsregionen von 2008 beobachtet, ob die Grenzen respektiert werden. Einer der
Stützpunkte befindet sich hier ins Mtsketha.

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