Was Hunde lehren II

Dann landen wir in Tafraoute auf dem Campingplatz. Wir stehen an der Kante zu einem Graben, der sich bei Regen mit Wasser füllt, jetzt aber trocken und sandig ist. Wir wollen drei oder vier Tage bleiben, um die Versorgung des Igls mit Elektrizität, Wasser und Gas herzustellen. Zwei Wochen lang werden wir schließlich hier gewesen sein. Auf dem Platz haben wir einen eigenen Rhythmus entwickelt. Morgens trinken wir Tee, dann lassen wir auf einem einstündigen Spaziergang durch die weite Oasenlandschaft beide Hunde laufen. Danach Frühstück, Wagen ausräumen, Kabel verlegen, Schläuche zuschneiden, was eben anfällt. Abends koche ich, was wir auf dem nahe liegenden Markt finden konnten, dann machen wir Feuer und erzählen uns mit den anderen Reisenden und dem Nachtwächter Geschichten und hören Musik bis uns kalt wird.


Nachdem Robert gesehen hat, dass es keinen nachhaltigen Effekt hat, mit den Hunden zu schimpfen und sie an die Leine zu nehmen, wenn sie zurückkommen, probieren wir jetzt Evas Methode. Kommt einer der Hunde selbständig oder nach einem Ruf oder Pfiff, erhalten die Hunde ein Leckerli. Wir drehen jeden Tag eine größere Runde. Die Hund rennen immer noch weit von uns weg im ersten Impuls, kommen aber nach einer Weile zurück und holen sich Lob und Leckerli ab. Klappt oft, aber nicht immer. Entscheidend ist für Thio folgendes Erlebnis.

Einmal kommt Thio lange nicht zurück. Wir sind längst wieder am Auto, als er schließlich am ganze Körper stinkend am Wagen auftaucht. Robert schnappt ihn, geht unter Schreien und Tobrn mit ihm duschen und hängt ihn danach etwas entfernt an der Leine an einen Baum. Nach einer Weile steigt er ins Auto um eine neue Gasflasche zu kaufen und fährt davon. Thio kann es nicht fassen. Er bellt, er reißt an der Leine, er jault, heult und bettelt, aber ohne Erfolg. Sein Herr ist weg. Als Robert zurück kommt, tröstet er den Hund und nimmt ihn wieder zu sich. Von dem Tag an hört Thio besser.

Einige Tage später am Morgen darf Ena eine Runde frei laufen. Sie läuft davon ohne nachzudenken, über die Straße und weg ist sie. Kein Rufen, kein Schreien hilft, sie rennt nur weiter davon. Als sie zurückkommt ist Eva so sauer, dass sie Ena an der Leine an den Wagen hängt und mit Robert und Thio alleine spazieren geht. Ena bellt, reißt an der Leine, jault, wimmert und heult. Irgendwann gibt sie auf und legt sich hinter den Wagen. Wer jetzt meint, dass auch dieser Hund nun besser hört, irrt. Der Schreck hält gerade mal zwei Tage, dann ist alles beim Alten.

Eva denkt sich nun etwas neues aus. Wenn Ena beim ersten Ruf kommt, gibt es Leckerli. Wenn sie erst beim zweiten oder dritten Ruf kommt, kneift sie Ena in den Hinterlauf, das hat sie sich bei Thio abgeschaut, und erst dann gibt es ein Leckerli. Wenn Ena gar nicht auf Rufen kommt, wird sie ignoriert. Effekt: spürbare Verbesserung, aber immer nocht gibt es Situationen, in denen der Hund einfach auf und davon rennt.

Aber: nicht nur die Hunde hören besser, auch unser Umgang mit den frei laufenden Hunden entspannt sich zusehends. Wir schreien und rufen weniger nach ihnen. Wir erschrecken weniger, wenn sie ausser Sicht geraten. Robert schimpft weniger mit Thio, Eva ist weniger besorgt um Ena.

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