Gambia: 50 Tage im kleinsten Land Afrikas

25.9. – 15.11.2019

50 Tage in Gambia zu verbringen, wir dachten, das geht gar nicht. Denn Gambia ist winzig. Vom Atlantik im Westen ausgehend zieht sich das Land 450km lang nur einen Kanonenwurf breit nördlich und südlich des Gambia Flusses entlang. Inmitten des ehemals französisch kolonialisierten Senegal hatten die Briten sich damit einen kleinen Zugang an der Westantlantikküste geschaffen.

The Gambia, wie das Land sich selbst bezeichnet, ist seit 1965 unabhängig von Großbritannien, aber die Amtssprache ist bis heute Englisch. Für Robert ist das wunderbar, kann er sich doch erstmals, seit wir Europa verlassen haben, selber mit den Leuten unterhalten. Für mich ist das wiederum wunderbar, weil ich die Pause als Reisesprecher genieße. Denn Französisch quatschen geht ja mittlerweile ganz gut, aber Robert ist unbestreitbar der bessere Händler und im muslimischen Westafrika sind dann auch die meist männlichen Beamten, Händler und mannigfaltigen neugierigen Besucher an unserem Wagen sehr zufrieden, mit einem Mann sprechen zu können.

Die Einreise nach Gambia gestaltet sich wie beim letzten Mal recht einfach, auch wenn die Narcotic Officers in Zivil kurz versuchen Geld zu erpressen für ein Antiallergikum, das wir in Abidjan wegen meiner starken Reaktionen auf Bremsenstiche gekauft haben, und dessen Einfuhr nach The Gambia angeblich illegal ist.

Von der Grenze aus fahren wir direkt nach Serrekunda, der heimlichen Hauptstadt The Gambias, in der sich das Wirtschaftsleben des Landes konzentriert. Vor 30 Jahren war hier noch Brachland mit nur wenigen Bewohnern, heute erstreckt sich die Stadt rund um den großen Teller, wie der Hauptkreisel genannt wird, entlang an 4 großen Ausfallstraßen. Hier kann man neben unzähligen Märkten mit dem vielfältigsten Obst und Gemüseangebot seit Abidjan fast alles finden, was das europäische und besonders das britische Herz begehrt. Sogar Orangenmarmelade, Cheddar Cheese, labbriges Toastbrot und echte britische Cookies. Und auch eine Mercedes Niederlassung.

Die Mercedes Niederlassung steuern wir zielgerichtet an, wegen der Federgummis, immer noch, und wegen einem neuen Satz verstärkter Stoßdämpfer, denn die Neuen aus Abidjan hat es schon in Guinea zerlegt. Alle, wirklich alle Mercedes Allradfahrer, haben gesagt, Mercedes, kein Problem, da kannst Du egal in welche Niederlassung auf der Welt. Die haben jedes Ersatzteil. Und wenn nicht, können Sie es in kürzester Zeit besorgen. Keine Ahnung, wo in der Welt die waren mit ihren Karren. Österreich vermutlich. Oder Luxemburg. Aber in der gambischen Mercedes-Niederlassung bekommt man direkt gar kein Ersatzteil. Dafür können sie auf die Mercedes Originalteilebank zugreifen und die Teile innerhalb weniger Wochen bestellen. Ich hatte die Teilenummern bereits vollständig recherchiert, aber es hat trotzdem fast 3 Stunden gedauert, die Bestellung zusammenzustellen und uns für 12 blöde Gummis, vier Stoßdämpfer und zwei Radlager ein Angebot von weit über 2000€ zu machen. Bei einer Lieferzeit zwischen 3 Wochen und 2 Monaten.

Danke fürs Gespräch würde Robert jetzt sagen. Auf keinen Fall. Mit dieser frohen Botschaft im Gepäck suchen wir uns erstmal einen Strand für die Nacht. Als wir das erste Mal in Gambia waren, mit den kranken Hunden im Wagen, hatten wir wegen der Tierarztbesuche einen Platz nur 20km südlich der Stadt gefunden. Es fällt uns zwar schwer, genau diesen Platz wieder anzufahren, aber es ist das Beste was uns auf die Schnelle einfällt. Von der Asphaltstraße aus fährt man eine Piste, die durch eine Aussparung hindurch hinter einer hohen Betonwand verschwindet, die sich kilometerlang direkt am Meer entlang zieht. Dieses riesige Gebiet direkt am Meer, in einem Land, das von Tourismus lebt und über insgesamt vielleicht 80km Küste verfügt, hatte sich der alte Präsident reserviert und mit besagter Mauer gesichert. Den haben die Gambier nun aber abgewählt und dann das Land so etwas wie vergemeinschaftet. Jedenfalls gibt es nun in der Betonwand mehrere Löcher und die Piste, über die man direkt an den Strand kommt.

Das nutzen die lokalen Fischer ebenso die Kinder aus den umliegenden Dörfern, Touristen und Expats, die ihre Hochseeangeln aufstellen und junge Männer, um mehr oder weniger heimlich Ganja zu rauchen. Frauen sieht man quasi nie. In die traumhaft gelegene Beachbar am Ende der Piste kommen besonders am Wochenende aber auch viele reiche – wiedermal oft libanesische – Großstädter mit der ganzen Familie. Wir lassen also Luft ab, nehmen eine Öffnung in der Betonwand, fahren einige 100 Meter den Strand entlang und kommen an der breitesten Stelle zum Stehen. Nur, dass die breiteste Stelle trotzdem ziemlich schmal ist. Aber weil wir im Frühjahr hier schon gestanden haben, machen wir uns keinen Kopf und richten uns ein.

Vom „Strandbüro“ aus fragen wir bei Mercedes Berlin an und erhalten innerhalb von 24 Stunden Rückmeldung. Gleiche Bestellung: nicht mal 500€. Und da kommt uns jetzt zugute, dass Emmanuel, mit dem wir immer noch zusammen fahren, Besuch aus Berlin bekommt. Mercedes Berlin liefert nämlich nicht. Die Regel lautet: Selbstabholung und Barkauf. Keine Ausnahmen. Am Ende haben unsere Freunde Nadine und Yan uns aus der Patsche geholfen und einen Kurier beauftragt, die Teile abzuholen und zu Kati nach Hause zu liefern. Wir haben Mercedes überredet, eine Direktüberweisung zu machen. Und Kati hat die Teile dann im Flugzeug mit nach Gambia gebracht. Bingo. 1000Dank an dieser Stelle noch einmal an alle Beteiligten!

Nach der ersten Nacht am Strand sehen wir, dass der Igl nachts im Wasser gestanden haben muss. Ein Einzelfall denken wir und bleiben. Am nächsten Morgen das gleiche Bild. Hm. Ich finde eine Seite, auf der die Gezeiten vermerkt sind. In der Tat steht dort, dass an diesen Tagen die Flut ungewöhnlich hoch steigt. Wird aber ab heute besser. Na dann. Wir bleiben. Robert zieht einen Graben zwischen Wasserkante und Iglstellplatz undschüttet einen hohen Wall aus Sand auf. Am nächsten Morgen wache ich vom ungewöhnlich lautem Wellengeräusch auf. Die Sonne geht gerade auf und entgegen meiner Vorlieben stehe ich auf, um nachzusehen. Was ich sehe ist ein Igl, der mit allen vier Reifen im Wasser steht – und die höchste Flut ist noch nicht erreicht. Für eine Stunde beobachte ich das Wasser weiter steigen, dann ist der Zenit überschritten und keine weitere Welle erreicht den Igl.

Noch immer hat die Regenzeit nicht vollständig aufgehört, so dass wir bei tagsüber bis zu 38 Grad, bei der kleinsten Bewegung von oben bis unten naßgeschwitzt sind und auch im Wagen immer noch alles feucht ist. Decken, Kissen, Handtücher, Kleidung. Meistens ist der Himmel tagsüber klar, gegen Abend ziehen vom Land her kleine Wolken auf, erst nur ein paar wenige, dann sehr schnell viele große und auch wenn wir eben noch dachten, ach, heute regnet es nicht mehr, geht alle drei Tage in gewaltig krachendes 360 Grad Gewitter über uns nieder. Weil es Nachts kaum abkühlt und wir deshalb immer alle Fenster offen haben, donnert und blitzt es in manchen Nächten aus jeder Richtung. Fühlt sich an als wäre man wirklich im Zentrum des Geschehens. Ich liebe Gewitter sehr und obwohl ich normalerweise der aufgeregte Part bin, bleibt es auch in diesen Nächten dabei, ich fühle mich wohl und geborgen. Aber seit Robert weiß, dass der Igl mit seinem Plastikdach kein faradayscher Käfig ist, findet er die sehr nahen Gewitter nur noch mäßig toll. Nur in einer Nacht, da liege auch ich stundenlang wach und hoffe, dass das Inferno bald aufhören möchte. Im Sekundentakt blitzt es und quasi zeitgleich donnert es auch schon. Keine kleinen Donner, sondern krachende grollende Donnersalven, gefolgt von neuen Blitzen und weiteren Donnerschlägen. Am nächsten Morgen sind wir ganz froh, dass wir nun wieder bei blitzblauem Himmel und schönstem Sonnenschein einen schönen Kaffee trinken können.

Die Tage am Strand direkt den wechselnden Gezeiten und dem extremen Wetter ausgesetzt, versorgt mit Fisch direkt aus dem Meer und selbstgebackenem Brot, sind ein ganz besonderes Erlebnis.



Sie verbinden uns mit dem Rhythmus des Ortes, dem Kommen und Gehen der Gezeiten, dem Auf- und Untergehen von Sonne und Mond, dem abendlichen Beutegang der tausenden Krebse und des Warans, der in der Düne hinter unseren Autos lebt und dem Alltag der Gambier, die täglich zum Fischen herausfahren und ihre Krebsfallen aufstellen, Muscheln suchen, Kokosnüsse von den Bäumen schlagen, ihre Netze putzen, die Boote zu Wasser lassen und den Fang einholen.

Wir bleiben schließlich über eine Woche. Dann fährt erst Emmanuel los, um einen Reisebekannten an einem Strand etwas weiter südlich zu besuchen und seine Vorräte aufzufüllen und schließlich geht uns das Wasser aus, so dass auch wir mit einem Abstecher über Serrekunda mit einer Stippvisite bei der fantastischen Sukuta Lodge und den nächstliegenden Brunnen, schließlich an den nächsten Strand weiterziehen.

6 Kommentare zu „Gambia: 50 Tage im kleinsten Land Afrikas

    1. Lost in the desert….Alles gut hier. Mauretanien hat das 6. Schlechteste Internet der Welt und wir haben uns drei Monate dort in der Wüste herumgetrieben. Seit ein paar Tagen nun West Sahara und der nächste Beitrag ist fertig nur noch keine Fotos hochgeladen. Coming soon….

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