Kurden, Jesiden und Peshmerga

Den gestrigen Abend habe ich damit verbracht, meine mehr als mangelhaften Kenntnisse über Kurdistan und die Kurden aufzubessern. Bisher hatte ich nur die Stichworte PKK, Öcalan und Terrorismus im Kopf und ich habe die Kurden einzig im Osten der Türkei verortet. Bei meinen Recherchen erklären sich einige Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart, andere geben mir Rätsel auf.

Einige Stunden später bin ich nur unwesentlich schlauer. Natürlich wusste ich auch vorher, dass der Konflikt vielschichtig und uralt ist. Aber dass er so vielschichtig und uralt ist, hätte ich nicht gedacht.

So weit ich es im Moment verstehe, sind die Kurden ein sehr altes Volk, dem immer wieder Unabhängigkeit versprochen, aber kaum je gewährt wurde. Heutzutage leben Kurden in Syrien, der Türkei, dem Iran und dem Irak. Sie verstehen sich als eigenständiges Volk. Das gesamte Siedlungsgebiet der Kurden ist etwa so groß wie Deutschland. Immer wieder haben sie sowohl auf politisch-diplomatischem, als auch auf gewalttätig-terroristischem Weg versucht, ihre Unabhängigkeit durchzusetzen. Mal schien dies zu gelingen und sie erhielten Mitspracherechte in den Parlamenten der Staaten, mal wurden ihre mannigfaltigen legalen Parteien mit Namen wie Freiheits- und Gleichheitspartei oder Partei Demokratie und Frieden verboten und ihre Protagonisten inhaftiert oder schlimmer noch hingerichtet, mal schienen sie nur noch grausame Terroristen zu sein, die verfolgt, inhaftiert und international geächtet wurden.

Auf irakischem Staatsgebiet gibt es heute die Autonome Region Kurdistan mit einem eigenen Parlament von insgesamt rund 37.000m² Größe. Das ist etwa 1/10 der Fläche Deutschlands. Es handelt sich dabei aber nicht um einen vom Irak vollkommen unabhängigen Staat, sondern um eine Föderation. Die meisten Kurden sind sunnitische Muslime, aber eine Minderheit pflegt den jesidischen Glauben, ebenfalls gibt es einige Christen und Schiiten. Viele, keiner weiß genau wie viele, Jesiden wurden in den letzten Wochen von der IS, der Organisation Islamischer Staat, bedroht, vertrieben oder ermordet, ebenso wie Christen und Schiiten. Der Kampf zwischen Gottesstaaterrichtern, die ein eigenes Kalifat in den von ihnen eroberten Gebieten ausgerufen haben und den angestammten Bewohnern der Region, Kurden, gemäßigten Irakern, Syrern, dem Militär, Milizen, Bürgerwehren, in ungewöhnlicher Konstellation vereint im Kampf gegen den neuen Feind, halten an. Jeden Tag erreichen uns neue Meldungen aus der Region, mal gewinnt die eine mal die andere Partei die Oberhand. Die Medienberichte sind gespickt mit Informationen über Massaker und Gräueltaten, die mir Schauer über den Rücken jagen.  Bis zu einer Million Menschen sind auf der Flucht, verlassen ihre Heimat, ihre Häuser, geben ihre Existenz auf, um ihre Unversehrtheit, ihr Leben zu retten.

Direkt vor mir an der Wand hängt eine Karte von Europa, die von Portugal im Westen bis etwa zum Ural im Osten reicht und auch die angrenzenden afrikanischen und vorderasiatischen Länder mit abbildet..Ungläubig schaue ich immer wieder dorthin. Wie nah all diese Konflikte sind und wie unwirklich sie dennoch sind. Wir könnten in weniger als 4 Tagen über den Landweg in den Irak reisen, ebenso wie nach Israel und Syrien.

Paralell lese ich Artikel aus FAZ und Zeit, die Blogs von HumanRightsWatch und Spiegel, Essays von Experten für die Politik und Geschichte der Region und Interviews mit Betroffenen. Ich sehe Hintergrundvideos auf focus.de und tagesschau.de. Ich höre kurdische Musik, versuche die Worte zu verstehen und ziehe mir Texte aus der islamischen und christlichen Frühgeschichte rein. Mein Bild der Welt ändert sich. Ich frage mich, was die Menschen in den Uniformen denken, hoffen und fühlen. Und was die, die von denen in Uniform gemartert werden. Und ob sie sich wirklich fragen, warum sie tun was sie tun? Wo kommt diese ganze Not, dieser Hass her, der zu Mord und Krieg führt?

Dennoch bleibt das alles Theorie. Wie wird es sein, im Osten der Türkei anzukommen und zu wissen, dass nur wenige Kilometer entfernt Muslime Christen, Kurden Gottesstaatsanhänger und Amerikaner Iraker und (vermeintliche?) Terroristen ermorden? Wie kann man in Anbetracht solchen Mordens unbeteiligt bleiben? Wie sollen wir uns verhalten? Wie können wir auch nur in die Nähe einer Region fahren, die so instabil und krisengebeutelt ist, ohne einen Plan, wie wir den Menschen vor Ort begegnen?

 

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