Aladi le pecheur

Wir haben endlich den Senegal verlassen und biegen direkt hinter Sao Domingos, dem beschaulichen Grenzstädtchen von Guinea Bissau rechts ab nach Varela. Es ist 14 Uhr und schon wieder steigt die Mittagshitze auf, aber wir glauben, dass wir die 50km Piste in 2 Stunden bewältigen können. Los gehts. Wir erleben eine fast 4 stündige Fahrt durch eine kleine Wunderwelt.

Die ersten 20 Kilometer geht es mitten durch die Cashewplantagen. Eine Piste aus rotem Sand führt hindurch, streckenweise arg ausgespült vom letzten großen Regen. Anstrengend zu fahren. Der ganze Igl wackelt und ächzt. Die Cahewbäume tragen ihre roten und gelben Früchte, an denen jeweils ein grüner Cashewkern in grüner Hülse hängt. Die Cashewbäume sind etwa so hoch wie ein mittelgroßer Kirschbaum, sie haben fleischige dichte grüne Blätter, der Cashewwald ist dem entsprechend schattig. Ab und zu wühlt ein wildes Schwein im von Laub bedeckten Boden. Immer wieder sind an der Piste die Häuser der Cahewpflücker zu sehen. Kleine Siedlungen von 2 bis 10 Häusern mit etwa 60qm quadratischem Grundriss aus grauem Betonstein, bedacht mit spitzem Wellblechdach, das über die Mauern etwa einen Meter hinausragt und so einen schattigen Umlauf ums Haus bietet. Gestützt wird das überstehende Dach rundum von knorrigen geschälten Baumstämmen. Meist hat die Frau des Hauses Wäsche zum trocknen aufgehangen. Immer gibt es auch einen Platz zwischen den Häusern, wo unter einem hohen Baum, meist einem Mangobaum, Holzbänke oder eine Steinliege aufgestellt sind. Dazu drei vier Plastikstühle und fertig ist das Aussenwohnzimmer. Strom gibt es entweder gar nicht oder vielleicht nur stundenweise, so dass wir abends beobachten, dass die Menschen an kleinen Feuern zusammensitzen oder beim Licht einer Taschenlampe.

Nach der Cashewplantage folgt eine Mischung aus Urwald, Savanne und Mangrove. Palmen wechseln sich mit gelbem Savannengras ab. Die Nachmittagshitze wird durchbrochen von kurzen Strecken durch Überschwemmungsgebiete, die frischen Wind und den Geruch nach Salzwasser ins Auto blasen.

Dann folgt eine Strecke durch Eukalyptuswald und mitten in der Einsamkeit taucht eine portugiesische Kirchenmission auf, ein größeres Dorf, mit kompletter Dorfinfrastrutur. Soll heißen, man kann Brot, Eier, Orangen, Bananen und alle möglichen Dosen und Hygieneartikel kaufen, sowie Orange Internetpässe. Nach 35km ohne Empfang durch die Wildniss funktioniertauch unser Netz wieder. Am Ende der Piste ist das Dorf Varela, in dem in der Trockenzeit viele senegalesische Fischer leben, die jeden Morgen um 4 mit ihren Pirogen aufs Meer fahren und Fische fangen. Es klopft am Fenster des Igl, ein freundliches Gesicht mit sehr schlechten Zähnen schaut herein und begrüßt uns auf Französisch. Es ist Aladi, wie er selber sagt, Aladi le pecheur, der uns ohne zu zögern zu sich nach Hause einlädt zum Tee und zum Essen. Wir bedanken uns höflich, winken aber erstmal ab, weil wir ans Meer wollen und müde sind vom Grenzübertritt und der langen Pistenfahrt. Es dämmert schon und wir wollen zum Stehen kommen und Thio endlich rauslassen. Also fahren wir weiter und erreichen kurz darauf das Meer. Den Igl stellen wir in einen Eukalypuswald direkt an der Abrisskante zum Strand, dann schauen wir uns den hellen Sandstrand an und sind froh angekommen zu sein.


Am nächsten Morgen frühstücken wir und laufen am Strand entlang. Ein Paradies aus weißem Sand, seichtem warmem Atlantikwasser (sic!), Palmen und Eukalyptusbäumen. Zudem geht den ganzen Tag ein kleiner Wind bei maximal 33 Grad. Ein Segen nach den 40 Grad in Ziguinchor. Hund und Menschen entspannen sich. Nur leider hat Thio immer neue Malaisen. Er hat sich Mangowürmer gefangen, die stecken noch in ihm, wir drücken sie heraus so gut wir können. Thio arbeitet mit, indem er uns die wunden Stellen zeigt. Seine Augen sind entzündet und milchig. Wieder machen wir uns große Sorgen. Hört denn das nicht auf?

Abends steht Aladi vor der Tür. Gerade wollen wir noch einen Spaziergang im Sonnenuntergang machen, da schlendert er heran. Ein großes Hallo und er sagt, ich wollte mal sehen wie es Euch geht. Wir nehmen ihn mit auf unseren Spaziergang und erzählen ein paar Geschichten. Dabei stellt sich heraus, dass er aus Kaolack kommt und auch unseren Lieblingshost, den senegalesischen Franzosen Jean Paul von der Ferme de Saly in Mbour kennt. So ein Zufall!
Wir erzählen von unserer Odyssee, von Ena, von Thio, den Tierärzten, der Trauer und unseren Plänen. Er erzählt vom Leben in Varela, vom Fischen und davon, warum es ihn als Friseur, der er eigentlich ist, als Fischer nach Varela getrieben hat. Er ist der zweite von zwei Söhnen, den Friseurladen hat der ältere übernommen. Für ihn war kein Platz. Also ist er Fischer geworden. Er bleibt bis zum großen Fest zum Beginn der Regenzeit am 1. Mai in Varela, dann fährt er mit dem 7 place Taxi über zwei Grenzen nach Kaolack zu seiner Familie und verbringt dort den Sommer.
Wir reden über vieles, den Islam und den Glauben, Reichtum und Träume, das Leben in Europa und Afrika, die Unterschiede zwischen beidem undsoweiter. Als die Sonne untergeht verabschiedet er sich, nicht ohne zu versichern, am nächsten Tag mit dem Tierarzt wiederzukommen. Ein Tierarzt! Für Thios Augen! Das haben wir nicht zu hoffen gewagt. Juchuh.
Am nächsten Tag haben wir uns an den Ort gewöhnt. Wir genießen die Ruhe und den schönen Strand. Gehen schwimmen und spazieren. Robert läuft ein wenig, Eva meditiert ein bisschen. Herrlich. Ab und zu verdrücken wir ein paar Tränen, wenn wir an Ena denken, aber meistens genießen wir den Strand. So könnte es ewig bleiben, wenn wir nicht in zwei Tagen schon wieder in  Bissau sein müssten, um den Passavant zu verlängern und es Thio besser gehen würde. Das nervt wirklich, ständig Ämterstress und der Hund immer noch krank.
Am Nachmittag erscheint Aladi wieder am Strand. Er trägt eine Tüte mit frischen Fischen bei sich, die er auch gleich am Strand ausnimmt. Eva setzt sich zu ihm und schaut zu, wie er das macht. Er sagt, Fisch ist neben Reis das wichtigste Nahrungsmittel hier. Alle Menschen in den Dörfern hier essen quasi nichts anderes. Plötzlich taucht ein Mann mit Moped auf und steigt neben dem Igl ab. Der Tierarzt? Ja, der Tierarzt! Auch er spricht Französisch, er schaut sich Thios Wurmwunden und die Augen an, lässt sich die Vorgeschichte erzählen und gibt dann Antibiotika. Nach den Erlebnissen mit den beiden Hunden wollten wir eigentlich nicht nochmal Antibiotika geben, aber er überzeugt uns, dass es nötig ist. Einige der Wurmwunden haben sich entzündet, ebenso wie die Augen. Nun gut, was sollen wir tun? Wir lassen es zu, dass der Arzt Thio spritzt. Hoffentlich geht das gut.
Der Arzt sagt, er muss drei Tage in Folge spritzen. Wir verabreden uns für den nächsten Tag bei ihm, denn Nachmittags müssen wir losfahren, um rechtzeitig in Bissau zu sein wegen des Passavants. Er sagt, er empfiehlt uns einen Arzt in Bissau, den, bei dem er ausgebildet wurde. Aladi möchte uns unbedingt noch seine Piroge und seine Familie, er meint sein Fischerteam, zeigen, so dass wir am nächsten Morgen früh aufstehen, packen und dann zum Fischerstrand fahren. Hier sind um 14 Uhr die Fischer gerade angekommen. Einige reparieren die Netze, andere laden den Fang aus, dritte kümmern sich um die Piroge und das alles bei 35 Grad ohne Schatten. Frauen warten am Strand, um die Fische noch vor Ort zu sortieren und mit langen Macheten zu Filets zu verarbeiten, die später beim Räuchermeister im Dorf geräuchert und dann verkauft werden. Es gibt schwarze und weiße Fische erläutert Aladi. Die weißen werden gepökelt und in alle Welt exportiert. Die schwarzen werden geräuchert und bleiben im Dorf. Es gibt auch zwei Arten zu fischen. Mit einem langen Netz, wie die Mannschaft von Aladi es tut und mit Fischködern, wie es die Crew neben Aladi tut.

Nun ist die Zeit für den Arzt gekommen. Aladi verabschiedet sich von seiner Fischerfamilie und läuft mit uns ins nahe gelegene Dorf. Hier wird dann alles wieder sehr afrikanisch. Während wir den 16Uhr Termin halten wollen, geht Aladi um 16 Uhr erstmal duschen. Dann zieht er feierlich sein bestes weißes Hemd an, seine schwarze Weste und seine in regenbogenfarben leuchtende Sonnenbrille. Uns hat er auf der Terasse seiner Zimmerwirtin geparkt gegenüber der Aussenküche, wo die Wirtin die mitgebrachten frischen Fische ausnimmt und essen zubereitet, während ihre älteste Tochter, etwa 9 Jahre alt, mit dem jüngsten Familienmitglied, knapp 1 Jahr, auf dem Arm im Dorf herumläuft. Überall sitzen jetzt Menschen vor den Hütten auf den Bretterbänken oder in den bunten Plastikstühlen, unterhalten sich, trinken Tee, rufen sich kleine Fragen und Neckereien zu und läuten den angenehmen kühlen Spätnachmittag ein. Eine sehr angenehme Athmosphäre. Aladi lädt uns zum Essen ein, Reis mit frischem Fisch, serviert in einer Aluminiumschale mit drei Löffeln. Wir essen zusammen, alles sehr lecker.

Nachdem das alles erledigt ist, brechen wir auf zum Tierarzt, der mit seiner Familie drei Häuser weiter lebt. 16 Uhr, das ist schon länger her. Stört aber niemanden ausser uns, die wir ja noch einige Kilometer fahren wollten. Direkt im Innenhof der Familie unter den aufmerksamen Augen von Aladi und 5 Familienmitgliedern erhält Thio weitere Spritzen. Er protestiert, aber was sollen wir tun? Sodann wollen wir aufbrechen, was wiederum nicht geht, ohne Aladis Kumpeln, die unter einem Mangobaum sitzen, Erdnüsse essen, Palmwein trinken und Ganja rauchen, noch Hallo zu sagen und einige Fragen zu beantworten. Warum seid Ihr hier? Warum sied Ihr nach Afrika gefahren? Warum mit dem Auto? Wo fahrt Ihr als nächstes hin? Wie lange habt Ihr hierher gebraucht? Seid Ihr reich, dass Ihr Euch so eine Reise leisten könnt? Habt Ihr noch eine Wohnung in Deutschland? Und die schwierigste Frage: wie findet Ihr Afrika? Oha, eine kurze Antwort darauf gibt es nicht. Und schon stecken wir in der nächsten Runde Fragen. Irgendwann werden wir wirklich unruhig. Nach Bissau sind es 200 Kilometer, es dämmert schon, die schlechte Piste, wir wissen noch nicht wo wir übernachten undsoweiter. Deshalb brechen wir das durchaus spannende lebhafte Gespräch irgendwann ab und verabschieden uns. Nummern haben wir auch getauscht, hoffentlich können wir in Kontakt bleiben.


Aladi hat uns übrigens verraten, dass er spart, um nach Frankreich auswandern zu können und dort ein Friseurgeschäft aufzumachen. Nach den wenigen Stunden, die ich ihn und sein Dorfleben kennenlernen durfte, rate ich ihm trotz der harten Bedingungen der Fischer in Varela dringend davon ab. Eine solche Nachbarschaft, so viel Warmherzigkeit und Freundschaft, ein so angenehmes Leben mit eigenem Mango-, Orangen- und Zitronenbaum, täglich frischem Fisch und einem Arbeitsweg von nur wenigen Schritten bei immerwährender Wärme und einem halben Jahr Auszeit pro Jahr wird er in Frankreich auf keinen Fall finden. Er hört mir geduldig zu, bleibt aber skeptisch.

2 Kommentare zu „Aladi le pecheur

  1. Liebe Eva, lieber Robert,
    ich weiss gar nicht, was ich sagen soll, es tut mir unendlich leid, dass Ena gestorben ist. Ich konnte natürlich nicht abwarten von Euch zu lesen und habe das gerade in der S Bahn getan, da sind mir die Tränen gekommen….
    Ich hoffe sehr und Felschi natürlich auch, das Thio durchhält und die Kraft hat das ganze durchzustehen. Und Ihr Beide natürlich auch, toll, dass Ihr so ehrlich schreibt es ist spannend zu lesen, wenn auch traurig. Dann habt weiter eine gute Fahrt haltet durch und passt auf Euch auf, fühlt Euch ganz fest gedrückt und Thio auch …. Ganz liebe Gruesse von Felschi & Dani

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    1. Ach Ihr lieben Beiden, habt Dank für Eure lieben Worte. Ja, wir haben mit vielem gerechnet, aber dass unsere Ena, die nie in ihrem Leben auch nur einen Tag krank war, sterben würde, das hätten wir nie gedacht. Es ist unfassbar. Und wahnsinnig traurig. Und nicht mehr zu ändern. Nun gewöhnen wir uns an ein Leben zu Dritt. Und auch wenn Thio immer noch kränkelt und nicht über den Berg ist, so sieht es doch mittlerweile ganz gut aus. Seid versichert, dass wir auch viele wahnsinnig schöne Begegnungen hatten und haben, über die ich hoffentlich auch bald schreiben kann. Aladi jedenfalls war einer von diesen Menschen. Liebe Grüße, Eva, Robert und Thio

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