Auf der Farm

Die halsbrecherische Fahrt nach Saly zum Tierarzt hat sich gelohnt. Der Arzt dort gibt Thio, der mittlerweile um 5 Kilogramm abgenommen hat, 1/5 seines Körpergewichts, Infusionen und Antibiotikaspritzen. Er sagt, dass Thio am nächsten Tag fressen wird. Wir sollen in der Nähe bleiben, damit wir wiederkommen können, falls es nicht besser wird.

Saly ist wahrscheinlich der zentrale Tourismusort des Senegals. Wo vor 30 Jahren nur Dünen und Meer waren, ist ein kleines Städtchen entstanden mit etwa 5000 Häusern, vielen Pensionen, Aparthotels mit Pool und Villen, die komplett gemietet werden können. Mehrheitlich Franzosen machen hier Urlaub zu günstigen Preisen. Wie so oft ignorieren die meisten von ihnen allerdings die lokale Kultur nahezu vollständig. Weshalb wie schon in Mauretanien und Marokko die locals nicht besonders gut auf die Franzosen zu sprechen sind. Wir überlegen ernsthaft, eine Deutschlandfahne am Igl anzubringen wegen der Verwechslungsgefahr. Wie groß die Integrationskraft von Fußball ist, merken wir hier in Afrika auch. Wenn wir zu erkennen geben, dass wir Deutsche sind, fallen Namen wie Sweinsteiga, Neuer, Ballack und Olli Kahn und alle lächeln freundlich und sagen, dass sie Deutschland mögen.
Was macht man aber mit einem 3,20m hohen Van in einem Touristenort wie Saly? Am Strand stehen geht nicht. Aparthotel ist zu teuer. Camping gibt es nicht. Wieder einmal liefert iOverlander die passende Antwort. Wir fahren links rechts links rechts die Sandpisten von Saly Mbour entlang und landen schließlich vor einem blau gestrichenen Tor über dem ein Schild hängt auf dem Ferme de Saly steht. Dahinter ein großes Gelände, etwa 5000qm Sandplatz mit Eukalyptusbäumen, diversen blühenden Büschen sund Bäumen und zwei sehr gepflegten Zitronenbäumen, einem Pferd, einem Esel, einem Baboon Affen sowie vielen Hühnern und Truthähnen. Darin 10 afrikanische Rundhütten, Steinmauer mit zwei Fenstern und Strohdach, und zwei Toiletten mit Dusche ehemals liebevoll angelegt, heute deutlich vernachlässigt. Wir lassen uns zeigen wo auf der Ferme wir stehen dürfen und machen den Motor auf einem Schattenplatz neben einer alten Hängematte und einem Wasserhahn aus. Ruhe. Uff.

 

Als wir uns fertigeingerichtet haben dämmert es auch schon. Wir stellen zwei Stühle auf und trinken einBier. Es dauert nicht lange, da tauchenwie aus dem Nichts zwei weiße Frauen auf und gesellen sich zu uns. Die eine hatten wir vorm Supermarkt getroffen und nebenbei erwähnt, dass wir zur Ferme fahren. Sie ist Spanierin mit tschechischen Wurzeln, Wendy. Die andere hat sie gerade kennengelernt, Sylvie, Französin und seit 13 Jahren jedes Jahr hier um Urlaub zu machen, wie auch jetzt. Sie redet schnell und viel und lacht laut dazu. Wir sprechen den Abend lang miteinander und tauschen Geschichten aus. Schnell stellt sich heraus, dass mit Wendy irgendetwas nicht stimmt. Sie führt Selbstgespräche, ihre Geschichten sind widersprüchlich und sie erzählt, dass sie aus Marokko von einem Festival geflohen ist, weil der Plastikmüll dort die Naturmagie zerstört hat. Die Geschichten sollen am nächsten Tag so haarsträubend werden, dass unsere durch den Tod von Ena sowieso trübe Stimmung uns genervt sein lässt, bis wir Wendy, die seit 2 Monaten auf der Straße lebt und sich an uns hängen will freundlich aber bestimmt bitten zu gehen.

 

Später am Abend taucht ein etwa siebzigjähriger Franzose mit Bart und Sonnenbrille auf der Ferme auf, er führt einige andere Weiße übers Gelände und stellt sich schließlich als Jean Paul vor, den Besitzer der Farm. Er lässt sich kurz unsere Hundegeschichte erzählen und geht dann wieder. Wir werden um Thio Ruhe zu geben am Ende nicht wie geplant 2 sondern 12 Tage auf der Farm bleiben. Jeden Tag bekommen wir zweimal Besuch von Jean Paul, der uns Geschichten aus seinem senegalesischen Leben, aber auch aus der intensiven Reisezeit, die er davor erlebt hat, erzählt und wie nebenbei auch von Thio ins Herz geschlossen, ja täglich fast freudig erwartet wird und uns mit Rat und Tat bei der Hundegenesung zur Seite steht.

 

Das ist auch nötig, denn Thio ist apatisch, er frisst nicht, er spielt nicht, er schläft den ganzen Tag. Wir sind ratlos. Was ist los mit Thio? Wir sind ständig in Kontakt mit dem Tierarzt, der mantraratig wiederholt, dass Thio gesund wird und nur Ruhe braucht, dann schon fressen wird. Aber er frisst nicht. Wir ernähren ihn mit Zwang. Jean Paul zeigt uns wie das geht. Er trinkt nicht. Wir zwingen das Wasser mit Spritze – ohne Nadel natürlich – in seinen Mund. Robert macht sich auf der Igl Schiebetür mit Kreide Notizen, wann wir welche Menge Futter und Wasser in den Hund gefüttert haben und wie hoch das Fieber ist. Tage vergehen so. Wir tun nicht viel mehr als vor dem Wagen sitzen, den Hund füttern und tränken und Abends Gin Tonic trinken. Zwischendurch schlägt die Trauer um Ena Wellen, dann müssen wir abwechselnd weinen. Manchmal auch beide gleichzeitig.

Von Zeit zu Zeit kommt Wendy gelaufen. Da wir sie immer wieder wegschicken, weil sie nie endende Selbstgespräche führt, wird sie ab und zu garstig und schimpft auf uns. Jean Paul hat sich ihrer angenommen. Er lässt sie auf der Terasse einer der alten afrikanischen Hütten auf dem Farmgelände übernachten. Er redet mit ihr. Wichtiger, er hört ihr zu. Er lässt ihr jeden Abend etwas zum Essen zubereiten. Sie erholt sich über die Tage etwas. Wir sind uns einig, dass sie vermutlich eine Psychose hat und eigentlich ins Krankenhaus gehört. Aber sie ist über 40, niemand kann sie zwingen.

Jean Paul erzählt seine Geschichte. Dass er mit seiner Frau nach 50 Ländern in die sie gereist sind nach Senegal an diesen Ort kam, an dem kein Haus stand, nur Wildniss und beschlossen hat zu bleiben. Dass sie binnen kürzester Zeit dieses Stück Land gekauft haben, das ursprümglich noch viel größer gewesen sein muss, als die Ferme heute. Dass sie dort Hütten zum vermieten errichtet haben sowie sich selber eine große Rundhütte gebaut haben. Dass sie alle ihre französischen Freunde hierhin eingelafen haben, die sie zwar für verrückt hielten, aber gerne kamen. Dass sie einen 80 Meter tiefen Brunnen haben graben lassen und in der Dünenlandschaft Bäume und Sträucher gepflanzt haben, um Schatten zu bekommen. Dass nach und nach mehr Menschen sich hier niedergelassen haben und ihn umbaut haben. Dass adas auch daran lag, dass die Regierung beschlossen hat zwei 160 Meter tiefe Brunnen zu graben und so die gesamte Gegend mit Trinkwasser zu versorgen. Dass der Eingang zur Ferme ursprünglich ganz woanders war, aber von den anderen umbaut wurde. (Den Teil, dass er vermutlich Teile seines Landes an sie verkauft haben muss und Geld damit verdient hat, ließ er aus….). Dass er nur wenige Monate im Jahr im Senegal ist, um Geld zu verdienen, um dann weiter zu reisen. Dass er heute nur noch mit einem kleinen Rucksack im Handgepäck reist, weil er findet, dass es schon reicht, sich um sich selber gut zu kümmern und alle mitgenommenen Dinge und besonders Autos nur eine Belastung darstellen. Dass er im Sommer oft nach Magagaskar fährt, wo er noch ein Haus und vermutlich auch noch eine Frau hat. Dass seine Kinder erwachsen sind und zurück nach Europa gegangen sind. Dass er und seine Frau, mit der er die Farm gebaut hat und gereist ist, sich irgendwann getrennt haben. Dass sie früher viel mehr Tiere hatten, Pferde und Hunde. Dass auf der Ferme über 50 Vogelarten leben, von denen wir über 20 tatsächlich bereits gesehen und teils auch fotografiert haben.

 

Wir weinen immer noch um Ena. Er versucht uns zu trösten. Er erzählt, dass er über 50 Hunde hatte, von denen er viele verloren hat. Manche an die Tollwut, manche an Leishmaniose, manche sind im Kampf mit wilden Tieren gestorben. Dass er immer wieder auch einen Hund umbringen musste, um ihn von Schmerzen zu erlösen. Dass wer liebt auch töten muss. Wie traurig. Wir sind befremdet. Er sagt, das ist Afrika. Afrika ist wild. Das ist der Preis für die Freiheit sagt er.

Die ungewohnte Ruhe macht uns zu schaffen. Wir sind unseren Gefühlen und der Hitze ausgesetzt. Wir wissen nichts mit uns anzufangen. Der Hund zwingt uns ruhig zu halten. Wir kommen kaum 50 Meter vom Auto weg. Erst nach drei Tagen schaffen wir es das erste Mal, ans gerade mal 150 Meter entfernte Meer zu gehen. Thio macht Fortschritte, wenn auch sehr sehr kleine. Wir laufen mit ihm den Strand entlang. Weit kommt er nicht. Wir machen kurze Ausflüge mit ihm. Aber er frisst nicht. Immer noch nicht. Jean Paul sagt, er trauert. Gebt ihm Zeit. Gebt ihm etwas was nach Ena riecht, er wird fressen. Das tun wir. Und abends frisst er das erste Mal seit Wochen ein wenig Fleisch von alleine.
Robert hat schon in Ziguinchor festgestellt, dass die oberste der drei linken vorderen Blattfedern gebrochen ist. Wir haben das ignoriert um den Hund zum Arzt zu bringen. Nach 10 Tagen und angesichts der ablaufenden Aufenthaltszeit des Igl im Senegal beginnen wir uns den Kopf darüber zu zerbrechen wo sich die Feder reparieren lässt. Wie immer fragen wir zuerst Jean Paul, der gleich einen Freund empfiehlt, der früher Rallyeautos geschraubt hat und ein guter Mechaniker sei. Er ruft ihn an, der kommt gleich vorbei und sagt, kann er machen, am nächsten morgen um 9 soll es losgehen. Robert soll mitkommen. 130 Euro, 100 für die Feder, 30 für die Arbeit. Robert will nachfragen, was und wie er es tun möchte, alle drei Federn tauschen oder nur die gebrochene. Wie er die rechte und linke Seite ausgleichen wird, damit der Igl nicht schief hängt mit neuer Feder links und alter rechts und überhaupt, ob auch Samstag statt Freitag für die Reparatur in Frage komme. Aber er wird schnell unterbrochen. Freitag oder gar nicht. Und der Mechaniker wird das schon richtig machen. Basta. Am nächsten morgen um 9 sind wir bereit. Eva wird mit Thio auf der Ferme bleiben, Robert soll mit dem Igl abgeholt werden und in die Werkstatt fahren. Um 9 ist niemand da. Auch um 10 nicht. Wir beginnen zu zweifeln. Um 11.30 schliesslich kommt Jean Paul mit einem jungen Mann im Schlepptau und seufzt. Seit 2 Stunden steht der junge Mann von der Werkstatt jetzt schon auf der Straße herum und wartet auf Jean Paul. Er hat uns wohl gesehen und weiß, es geht um uns und unseren Wagen. Aber sein Ansprechpartner ist Jean Paul hat sein Chef gesagt und deshalb wartet er, bis JP kommt. Typisch raunzt Jean Paul. Typisch. Und ärgert sich das erste Mal sichtlich uns gegenüber ein bisschen über sein Afrika. Nun geht das Abenteuer los.

Robert berichtet später von seinem Tag. Wir sind gar nicht so weit gefahren. Die Werkstatt war unter einem Wellblechdach, der Igl hat ganz darunter gepasst, aber seitlichnhat die Sonne reingedonnert, so dass es drinnen wahnsinnig heiß wurde. Der gesamte Boden im Umkreis von 50 Metern um die Werkstatt ist voller Reste, Öl, Schmiere, Dreck. Der Igl steht auf der Grube der Werkstatt, was eigentlich blöd ist, weil es so schwieirg ist die Federn zum Ausbau zu entlasten. Es sind um die 10 Leute anwesend, die alle staunend um den Igl stehen und sich sodann alle gleichzeitig an die Reparatur machen. Jeder Mechaniker hat einen kleinen Assistenten, den er nach Werkzeugen und Materialien durch die Gegend schickt. Robert sagt, dass ihm unklar ist, was die vielen Mensvhen dort machen und ob dabei wirklich etwas sinnvolles herauskommen kann. Er beschreibt, dass er beim Einbau mehrfach eingreifen musste, weil kleine Verwechslungen passierten, die im Nachhinein blöde Folgen hätten haben können. Zum Beispiel, beim Ausbau werfen die Mechaniker alle Schrauben in eine Wanne mit Öl und Diesel. Beim Einbau später aber weiß keiner mehr, wohin welche Schraube gehört. Nach dem Zufallsprinzip greifen die Assistenten in die Wanne und reichen die Schrauben an. Die Mechaniker nehmen was sie bekommt und montieren. Wahllos. Ohne Sinn und Verstand. Hier greift Robert ein. Er lässt die Schrauben wieder demontieren und erklärt, dass es einen Sinn hat, dass eine kurze und eine lange Schraube verbaut sind, nämlich dass es eine lange und eine kurze Aufnahme gibt. Der Mechaniker hat die Schrauben genau falschherum eingebaut. Immerhin lassen sich alle auf Roberts eingreifen gutmütig ein und berichtigen den Einbau. Ob sie wirklich verstanden haben, warum sie das tun sollen, bleibt aber unklar.

Die eigenartigste Geschichte ist aber die der neuen Federn selber. Als Robert ankommt wird einer losgeschickt mit Geld, das Robert quasi als Vokasse leisten muss, um eine Feder zu kaufen. Recht schnell kommt er mit einer Feder zurück, die auch die richtige Teilenummer von Mercedes trägt. Nach kurzer Diskussion beschliessen die Mechaniker aber, dass dies nicht die richtige Feder sein kann. Erneut wird einer losgeschickt, eine Feder suchen. Nach fast 2 Stunden kehrt er ohne Federpaket zurück. Er fährt nochmal los und kommt schließlich doch noch mit einem Federpakt zurück. Nach vier Stunden kann endlich die Arbeit beginnen. Robert sagt, von dem Federpaket ist aber nur eine von Mercedes, auf einer anderen steht Ford, auch die dritte scheint eher kein gebrauchtes Originalteil zu sein.

Nun fangen die Mechaniker an zu arbeiten. Robert versteht erst nicht was sie tun, später geht es ihm aber auf. Der Junge hat keine obere Blattfeder bekommen, nur die zweite. Die haben die Jungs genommen und umgeschmiedet, so dass sie als obere Feder funktioniert. Auch die zwischen den Blättern liegenden Gummis mussten sie individuell anpassen. Alles in Allem sagt Robert mehr Notreparatur als dauerhafte Lösung. Und das für 130€. In Deutschland würde das kaum mehr kosten. Ein neues Paket für beide Seiten, also 6 neue Federn vorne um die 300€. Aber was bringt das Argumentieren? Die Feder musste getauscht werden und wir haben das Beste in Saly mögliche Ergebnis erhalten. Für deutsche Verhältnisse halt eher eine 4-.

Was ihm dagegen viel Freude gemacht hat, ist mittags mit allen Jungs eine Kleinigkeit zu essen. Nach afrikanischer Art bekommt jeder einen Löffel und alle sitzen zusammen auf dem Boden und essen aus einer großen Schüssel. Hmmm, lecker, wenn auch für jeden kaum mehr als zwei drei kleine Happen bleiben bei so vielen Menschen.

Später erklärt Jean Paul, dass es üblich ist, dass die Erwachsenen die Jungen auf die erlebte Weise anlernen, auch wenn völlig klar ist, dass dann viel zu viele Menschen an einer Aufgabe arbeiten, die eigentlich schneller von einem erledigt wäre, wenn er sich denn auskennt. Er sagt, dass es doch am Ende aber besser sei, mehr Menschen ins Arbeitsleben zu integrieren, selbst wenn sie nur ein ganz kleines Geld dafür bekommen, alssie auf der Straße dem Kleber schnüffeln zu überlassen. So lernen sie wenigstens irgendetwas. Er selber hat einen Jungen als Hilfskraft angestellt, der früher Kleber geschnüffelt hat, einfach damit er damit aufhört und etwas sinnvolleres tut. Oft höft man Jean Paul mit ihm darüber diskutieren, dass er seine Arbeit richtig machen soll. Aber immer noch besser als ihn auf die Straße zu setzen höre ich den klugen aber verrückten akten Mann sagen.

Wir argumentieren dagegen und sagen, aber es macht keinen Sinn, die jungen Leute künstlich zu beschäftigen. Sie lernen zwar irgendetwas, aber die Arbeit wird nicht richtig gemacht. Letztlich bildet man mit viel Aufwand lauter schlechte Mechaniker aus ohne Hoffnung, diesen Beruf auch irgendwann auszüben. Tja, sagt Jean Paul einmal mehr. Das ist Afrika.

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