Sie stoppten und weinten

Wir haben große Trauer. Denn am 9. März ist leider unter großen Schmerzen Ena gestorben. Wir haben sie unter einem Mangobaum begraben, aber das macht es nicht leichter. Thio lebt, aber ist immer noch sehr schwach. Wir sind traurig und hilflos. Wer  wissen möchte was genau passiert ist, kann hier weiterlesen. Vielleicht in einer ruhigen Minute, denn es ist ein sehr trauriger Text.

Lange haben wir nichts von uns hören lassen. Die letzten 4 Wochen haben wir im Senegal verbracht, der uns vom ersten Moment an Schwierigkeiten gebracht hat. Das Reisen ist darüber beinahe zum Erliegen gekommen und es fehlte nicht viel, dass wir kehrt gemacht hätten.

An der Grenze Mauretanien Senegal haben wir 29 Stunden verbringen müssen, weil der Igl älter als 8 Jahre ist und wir ihn ohne Carnet de Passage eigentlich nicht ins Land bringen dürfen. Wir beharren darauf, wir streiten und bitten, aber es gibt kein Entrinnen. Zusammen mit 5 weiteren europäischen Wagen müssen wir am Ende einem halbseidenen Rallyveranstalter 250€ überreichen, um ein TIP, eine Temporary Import Permission für den Igl zu erhalten. Sehr frustrierend.
Aber es kommt schlimmer. Wir besuchen die Zebrabar bei St. Louis, fahren dann nach Dakar um das Passavant zu verlängern und anschließend die Petit Coté herunter, verbringen einige Tage an verschiedenen Stränden und gewöhnen uns langsam an die Hitze.

Eines Morgens stellt Thio das Fressen ein. Erst denken wir, dass er beleidigt ist oder die Hitze zu groß. Aber die Verweigerung hält an. 4 Tage, 5 Tage, 2 Wochen, 3 Wochen. Wenige Tage später hört auch Ena auf zu fressen. Nach einer Nacht im Nationalpark direkt am Gambia Fluss schaue ich in Enas Gesicht und ihre Augen sind feuerrot. Sie sieht mich vorwurfsvoll an, als hätte ich Schuld an ihrer Krankheit. Beide Hunde sind durch das Hungern schwach. Sie können nicht mehr aus eigener Kraft ins Auto springen.

Wir brechen sofort auf Richtung Banjul, wo wir einen Tierarzt ausfindig gemacht haben. Erleichtert stellen wir Nachmittags fest, dass der Tierarzt wirklich existiert und offen hat. Er ist Belgier. Er sieht sich die Hunde an und diagnostiziert eine Infektion. Beide haben Fieber und geschwollene Lymphknoten. Er spritzt Antibiotika und gibt fiebersenkende Mittel. Wir erhalten eine Antibiotikakur und sollen in der Nähe bleiben für einige Tage. Er versichert, dass es nichts schlimmes sein kann. Froh verlassen wir die Praxis und treffen an einem Strand südlich von Banjul auf unsere Reisefreunde Tanja und Alex. Darüber an anderer Stelle mehr.

Zwei Tage später geht es den Hunden nicht besser. Sie fressen nicht. Sie liegen apathisch im Bus. Wir fahren erneut zum Tierarzt, der erneut beteuert, dass es nichts schlimmes sein kann und Antibiotika spritzt, weil die Hunde die Tabletten ausgekotzt haben. Diesmal können wir nicht weiter warten. Wir müssen in den Süden nach Zuguinchor, um das Passavant für Senegal zu verlängern. Tun wir das nicht, könnte schlimmstenfalls der Zoll den Igl beschlagnahmen.

Also fahren wir los, über die Grenze nach Senegal und dann nach Zuguinchor in die Casamanche. Eine anstrengende Fahrt. Als wir dort ankommen geht es beiden Hunden schlecht. Wir beschliessen deshalb auf einem Campingplatz Rast zu machen, wegen der besseren Infrastruktur und damit die Hunde sich erholen können. Unterwegs nehmen wir Kontakt zu unserem deutschen Tierarzt auf. Der bestätigt auf die Ferne, dass die gegebenen Mittel OK sind und alles gut werden wird.

Die Betreiberin holt am nächsten Morgen auf unseren Wunsch trotzdem einen Tierarzt, es geht den Hunden nicht besser. Ena hat die ganze Nacht gekeucht. Sie hat Blut gepinkelt und strauchelt beim Gehen. Beide fressen nicht. Thio hat vier Kilo abgenommen. Der Arzt kommt und diagnostiziert Babesiose bei beiden, auch Hundemalaria genannt. Er setzt je eine Spritze, Eva fährt zur Tierapotheke und kauft Vitamine und leberunterstützende Mittel. Es ist tagsüber fast 40 Grad warm. Nachts keucht Ena so sehr, dass wir beschliessen, dass Eva und Ena im luftigeren Zelt schlafen. Ena ist unruhig, sie hat einen dicken Bauch und wirft sich im Zelt hin und her. Sie versteckt sich unter Evas Decke, sie lässt sich nur kurz beruhigen, dann steht sie wieder auf. Sie strauchelt und fällt. Gegen 2 Uhr Nachts beginnt sie vor Schmerzen zu schreien und hört bis morgens nicht auf. Eva streichelt und tröstet sie die ganze Nacht. Wir glauben nicht an Gott, aber in dieser Nacht haben wir beide für Ena gebetet.

Am nächsten Tag holen wir wieder den Tierarzt. Ena kann kaum zwei Schritte laufen und sie ist so schwach. Der  Tierarzt kommt, er gibt Vitamine, er ist ratlos. Er sagt Le coeur est fatiguee. Ihr Herz ist müde. Noch haben wir Hoffnung für sie, aber über Tag schwindet auch diese. Gegen frühen Nachmittag erleidet sie so etwas wie einen Schlaganfall, davon erholt sie sich nicht mehr. Wir beschliessen sofort rund 400km nach Norden über zwei Grenzen zu einem besseren Arzt zu fahren. Über Nacht. Alles was man nicht tun soll. Aber wir fahren. Ena bekommt alle Kissen und den kühlsten Platz im Auto. Wir fahren die ersten hundert Meter aus der Stadt, als sie aufhört zu atmen. Wir rufen ihren Namen, wir streicheln sie, wir schütteln sie, wir massieren ihr Herz, sie atmet noch zweimal und dann stirbt sie.

Aus.

Der Kampf ist verloren.

Eva sagt: meine beste kleine Hundefreundin ist gestorben. Innerhalb von drei Tagen. Sie hatte Schmerzen. Am Ende war der Tod eine Erlösung. Und doch kann ich nicht wahrhaben, dass sie weg ist.  Ein Hund ist kein Mensch, aber der Verlust schmerzt trotzdem wahnsinnig. Seit zwei Wochen weine ich jedesmal, wenn ich an sie denke. Ich wollte noch viele Jahre mit ihr verbringen. Ich hatte mir ausgerechnet, dass sie leben könnte bis ich selber 60 bin. Sie kam zufällig zu uns, aber wir haben sie umso mehr geliebt. Ihren Eigensinn, ihre Klugheit, ihren Mut. Sie hat mir Geborgenheit gegeben und Sicherheit und mich getröstet, wenn es mir nicht gut ging. Dann hat sie sich neben mich gelegt, sich an mich gedrückt und mir die Nase geschleckt. Es hat gut getan, einfach mit ihr zusammen zu sein. Sie hat mir vertraut, bis zum Ende. In den letzten Stunden bin ich ihr nicht von der Seite gewichen. Ich habe sie getröstet und beruhigt. Ich habe gebetet und für sie gesungen. Etwas besseres wusste ich nicht zu tun.
Wir haben sie unter einem Mangobaum mit ihrer Decke begraben.

Wir sind dann sofort weiter gefahren zum Tierarzt um Thios Leben zu retten. Wenigstens das. Der Tierarzt hat gesagt, alles ist nicht schlimm und hat Thio Antibiotika gegeben und eine Infusion. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits 12 Tage nichts gefressen und 5 Kilo abgenommen. Er sagte, am nächsten Tag wird Thio fressen. Aber er frass nicht. Wir sind in der Nähe des Arztes geblieben und waren in ständigem Kontakt. Der Hund hat nicht alleine gefressen. Wir haben ihn zwangsernährt und das Wasser mit einer Spritze in den Rachen gespritzt. Wir haben jeden Tag aufgeschrieben was er gegessen und getrunken hat und seine Temperatur festgehalten. Zwischen den Hundeeinsätzen sind wir müde und matt. Wir trauern. Wir machen uns Vorwürfe. Wir fragen uns was wir hätten anders machen können. Wir fluchen auf Afrika. Wir können nicht verstehen. Wir fluchen auf die Ärzte. Wir weinen.

Dann wieder den Hund füttern. Betteln, dass er etwas zu sich nimmt. Anfangs taumelt er beim gehen, er hat Spasmen und Krämpfe. Nach ein paar Tagen wird es besser, aber er ist wahnsinnig dünn und schwach, kann kaum 100 Meter alleine gehen. Nach 8 Tagen isst der Hund immer noch nicht. Wir gehen wieder zum Arzt. Er gibt erneut eine Infusion. Wir müssen in den kommenden Tagen Saly verlassen. Das Auto darf nicht länger bleiben. Alles fühlt sich schwer an.

Wir diskutieren jeden Tag darüber, ob wir weiterfahren sollen oder zurück. Wir sind kurz davor die Reise abzubrechen und zurück nach Marokko zu fahren. Vielleicht auch bis Europa. Festivals besuchen statt Afrika. Nach Norwegen fahren statt Guinea. Keine Mosquitos, keine tödlichen Hundeviren, keine Malaria, keine Hitze, kein Dreck, keine kaputten Strassen. Dafür gute Ärzte und grüne Wälder. Wir fragen uns ernsthaft was wir hier überhaupt wollen und sollen. Was passiert, wenn einer von uns einen Arzt braucht und niemand da ist, auf den wir uns verlassen können und wollen. Wir planen die gesamte Reise um. Wir fragen uns, ob Ena noch leben würde, wenn wir langsamer gefahren wären. Die Grenzbestimmungen und die kommende Regenzeit zwangen uns nach vorne.

Wir glauben mittlerweile, dass Ena und Thio sich vergiftet hatten. Entweder schlechten Fisch gefressen hatten oder einen Giftköder.
Wir verstehen nicht, warum keiner der Ärzte das diagnostiziert hat. Wir glauben, dass Ena an Leberversagen gestorben ist. Sie hatte zuletzt Gelbsucht. Die Ärzte hätten das sehen und verstehen müssen. Haben sie aber nicht. Wir glauben, dass Ena das Antibiotikum nicht vertragen hat, aber das ahnten wir nicht, als sie kränker wurde. Wir glauben, dass die zweite Antibiotika-Spritze ihrer Leber  sehr geschadet hat. Wir glauben nicht, dass sie Babesiose hatte. Der Arzt in Banjul hatte das Blut auf die Anzahl roter Blutkörperchen untersucht, das war in Ordnung. Bei Babesiose hätte es nicht in Ordnung sein dürfen. Wir glauben, dass die Spritze gegen Babesiose sie umgebracht hat. Aber bei Babesiose hat man nur 6 Tage Zeit zu spritzem bis der Hund stirbt. Man kann nicht vorsorglich impfen. Gegen alle möglichen Krankheiten waren beide Hunde geimpft. Wir hatten Notfallmedikamente dabei. Alles hat am Ende nichts geholfen. Würden wir nochmal eine solche Reise planen, wir würden nie mehr mit Hunden reisen, obwohl wir viele Reisende mit gesunden Hunden getroffen haben. Wir spüren, dass wir für ihre Unversehrtheit auf einem solchen Kontinent im Wagen nicht richtig sorgen können.

Und dennoch haben wir am Ende entschieden weiterzufahren. Weil der Weg zurück durch die Wüste zu heiß für den kranken Thio gewesen wäre. Aber wir planen nicht mehr über die nächsten zwei Länder hinaus. Wir sind jetzt in Guinea Bissau und wir werden noch Guinea besuchen. Danach mal sehen.

Thio frisst ab und zu ein paar Brocken, aber wir müssen ihn immer noch meistens zwingen genügend zu essen. Er hat sich nun auch noch Mangowürmer geholt. Sie fressen sich in die Haut. Wir haben knapp 100 Würmer aus ihm gedrückt. Er sieht aus wie ein gerupftes Huhn. Seine Augen sind entzündet und wir hoffen, dass er nicht erblindet. Hier gibt es keinen Tierarzt, aber unser Vertraurn in Tierärzte ist auch schwer erschüttert. Wir sitzen am Strand im Paradies, aber immer wenn uns Ena einfällt müssen wir weinen. Auch jetzt, während ich das Schreibe.
In Zuiguinchor, dem Ort an dem Ena starb, wurden früher die Sklaven verschifft. Der Name bedeutet so viel wie „sie stoppten und weinten“.

7 Kommentare zu „Sie stoppten und weinten

  1. hey, ihr 3, oh man die ena, das tut mir so leid, ich drücke euch und wünsche thio, dass es ihm bald wieder besser geht und euch genug kraft dafür.
    felschi

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  2. Ihr Ärmsten, das ist ja wirklich schrecklich! Wir fühlen mit euch! Wir hoffen, dass ihr die Reise zu dritt fortsetzen und irgendwann auch wieder genießen könnt.
    Alles Liebe und viel Kraft und Reisemut!

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  3. Ich habe euren Blog nach einiger Zeit wiederentdeckt und hoffte auf schöne Geschichten vom Wegesrand… Das hier zu lesen tut weh!

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    1. Ja, das schmerzt beim Lesen, ich weiß. Aber es war mir nicht möglich, einfach weiter lustige Beiträge zu schreiben, ohne dieses schmerzliche Ereignis zu beschreiben. Thio, dem anderen Hund, geht es inzwischen wieder richtig gut. Er hat gute Laune und frisst jetzt auch wieder.

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