Same Mother Same Father 1

19.4. – 6.5.2019

Bei 45 Grad im Schatten überqueren wir die Grenze zwischen Guinea Bissau und Guinea Conakry. Definitiv ist damit auch die Grenze meiner Leidensfähigkeit erreicht. Mir ist zu warm. Meine gesamte Konzentration ist darauf gerichtet, die Hitze des Tages irgendwie zu überstehen. Ich schwitze nicht, ich verliere Bäche an Wasser. Hinter den Ohren, auf der Kopfhaut, zwischen den Fußzehen, ich zerfließe. Schlimmer hat es nur Thio getroffen, der keucht und hechelt, dass wir schon wieder Angst um ihn bekommen. Auch haben wir nach den vielen Cashewplantagen in Guinea Bissau nun langsam Lust auf etwas Neues und so beeilen wir uns, auf guten Straßen ins Fouta Djalon zu kommen, dem kühlen und wasserreichen Bergland im Norden Guineas.

Die erste Nacht im neuen Land verbringen wir noch in einem Cashewfeld direkt hinter der Grenze, die zweite bereits auf einem Steinfeld in den Bergen, gut bewacht von einem etwas verwirrt wirkenden Sufi Mönch, der die ganze Nacht stehend vor unserem Wagen verbringt. Am dritten Abend kommen wir an den Salaa Waterfalls an und treffen, kaum haben wir das Gelände der verlassenen Lodge betreten, das man durchqueren muss, um die Wasserfälle zu erreichen, auf Razak. Er springt behende von seinem nagelneuen indischen Motorrad, begrüßt uns überschwenglich auf Französisch und Englisch und überzieht uns mit einem Wortschwall an Informationen, während er uns gleichzeitig auf dem Weg zum Wasserfall begleitet, den wir eigentlich jetzt noch gar nicht besuchen wollten, wir waren doch noch auf der Suche nach dem richtigen Stellplatz und wollten nur kurz das Areal auskundschaften. Egal, Razak erzählt, wir folgen und stehen schließlich mit ihm gemeinsam auf einem großen Plateau, von dem aus das Wasser beinahe 100 Meter in die Tiefe stürzt und staunen über das Grün des tropischen Waldes und das Rotbraun des Sandsteingebirges, auf das wir schauen. Ein erhabener Moment. Wir sitzen und staunen und freuen uns. Razak erzählt weiter. Von seiner Frau, die in den USA lebt und als afrikanische Friseurin arbeitet, von seinen Brüdern und Schwestern, seiner Mutter, seinem Vater, dem Imam, seinem Dorf, das ganz in der Nähe ist und davon, dass er das Gelände des Wasserfalls seit seiner Kindheit kennt und nun seit über 20 Jahren eine Art Wächter über den Platz ist. Dass er Geld benötigt, um die Lodge doch eines Tages zu betreiben und davon träumt, schon im Sommer eine Bar hier zu eröffnen. Gäste gäbe es genug.

Es ist Samstag und aus der nahen wohlhabenden Großstadt und Hauptsadt der Gegend Labé unternehmen die gut situierten Studenten und erfolgreichen Jungunternehmer vom Tankstellenbesitzer bis zum Hotelier gerne ihren wöchentlichen Picknickausflug an den Wasserfall. Sie kommen zu viert auf einem Motorrad, oder zu zehnt in einem Auto. Sie bringen Taschen und Beutel voller Essen und Getränke mit, dazu Pfannen und Töfpe und säckeweise Kohle. Sie besetzen die schönen von Mangobäumen und Palmen beschatteten Plätze zwischen den großen Steinbrocken im Flußbett und zünden dort zwischen drei sorgfältig ausgewählten Steinen ihr Kochfeuer an. Die Frauen schnippeln und schneiden das Mitgebrachte, stellen die großen Alutöpfe ins Feuer und wenig später wird gemeinsam geschmaust. Dazu hören sie HipHop und Fulamusik aus billigen Getthoblastern und springen von Zeit zu Zeit in voller Kleidung in das natürliche Schwimmbecken, das der Fluß hier aufgestaut hat. Andere kommen, um ihre Kleidung im Fluß zu waschen oder auch ihre Motorräder, je nachdem was es gerade nötiger hat. Bis zu 40 Motorräder haben wir gezählt. Ein stetiges Kommen und Gehen. Um 20 Uhr aber, wenn die Sonne gerade untergegangen ist, ist der Zauber ganz plötzlich vorbei und es kehrt Ruhe ein am Fluß und auf dem Gelände der Lodge. Und auch morgens ist es angenehm ruhig und kühl am Wasserfall. Jeden Morgen klettern wir den Weg zu dem großen Plateau herunter und lassen uns dort das Wasser über den Körper rinnen. Nach der wochenlangen Hitze genießen wir die Kühle der Nächte und das angenehme Gefühl des unendlich nachfließenden Wassers auf der Haut. Der Gewinner dieses Szenarios aber ist Thio.

Da das Gelände in sich relativ abgeschlossen ist, darf er nach Lust und Laune frei herumlaufen. Abwechselnd badet er im Fluß und lässt sich von den Besuchern mit immer neuen Knochen versorgen. Dazwischen geht er seiner Lieblingsbeschäftigung nach, nämlich Freundschaften mit neuen Menschen zu schließen. Nach kurzer Zeit kennen uns alle hier. Die Tubabs mit dem – für afrikanische Verhältnisse – großen schwarzen Hund und dem riesigen Auto, das Strom hat und einen Herd und irgendwo kommt auch noch Wasser raus.

Wir genießen diesen Ort so sehr, dass wir am Ende 11 Tage dort verbringen, teils, um auf Reisefreunde zu warten, die wir in Bissau kennengelernt hatten, teils weil wir mit dem nimmermüden Razak Freundschaft geschlossen haben, teils, weil die Kühle und der wundervolle Ort uns und dem Hund so wahnsinnig gut tun. Razak ist beinahe jeden Tag da, mal alleine, mal mit Freunden. Er ist gerne in unserer Gesellschaft und langsam verstehen wir auch, was er uns über seine Familie erzählt. Er wohnt in Diari, einem Dorf, in dem hauptsächlich Familien vom Stamm der Fula, oder auch Fulbe, leben. Sie sind Moslems und aufgrund ihrer jahrhundertealten Handelstätigkeit im Vergleich zu den anderen Stämmen in Guinea eher wohlhabend. Sie leben in dicht besiedelten Dörfern, um die sie Holzzäune ziehen, in Steinhäusern mit verglasten Fenstern, holzvertäfelten Decken, Veranda und Stuck, was nach den vielen Wochen, die wir ausschliesslich Häuser aus unverputzten Betonsteinen mit Wellblechdächern und Rundhütten mit Reisigdächern aus Palmwedeln gesehen haben, einen luxuriösen Eindruck macht. Da die Männer bis zu vier Frauen heiraten dürfen, je nachdem wie viel der Geldbeutel hergibt, kann es vorkommen, dass ein halbes Dorf mit vielen Häusern eigentlich nur aus einer Familie besteht. So auch in Razaks Fall. Sein Vater war Imam und Geschäftsmann in Kindia. Er hatte vier Frauen und insgesamt 24 Kinder. Wenn Razak von seinen Geschwistern spricht, sagt er immer dazu, ob sie die gleiche Mutter und den gleichen Vater haben oder nicht. Es ist nur ein Nebensatz, aber schnell wird klar, wie wichtig ihm das ist. Same Mother Same Father wie er, das sind 5 Geschwister, zwei Frauen, drei Männer. Alle 24 Kinder haben entweder selber studiert oder wohlhabend geheiratet. Viele leben und arbeiten im Ausland. Da ist die Schwester, same father, other mother, die den Botschafter von Guinea in den Usa geheiratet hat und in Washington lebt. Oder der Bruder, same father same mother, der in Moskau Medizin studiert hat und jetzt Professor in Conakry ist. Oder der wohlhabende Schmuckhändler aus Conakry, same father other mother, der in einem fünfstöckigen Haus lebt und seinen Schmuck in Dubai einkauft.

Immer wieder lädt Razak uns in sein Dorf ein und je mehr Geschichten er uns erzählt, desto neugieriger werden wir. Irgendwann verabreden wir uns dann morgens, um 2 Tage seine Gäste in Diari zu sein. Er fährt vom Wasserfall aus mit dem Motorrad vorneweg, wir hinterher. Im Dorf angekommen, öffnet er das hölzerne Dorftor und lässt uns mit dem Igl hereinfahren, damit wir sicher stehen. Dann zeigt er uns wie er lebt. Sein eigenes Haus, mit zwei Schlafzimmern und einem großen repräsentativen Wohnzimmer, in dem vier dunkelbraune Kunstledersofas stehen, sowie einem westlichen Bad mit Handwaschbecken und Toilette – aber ohne Wasseranschluss. Die Häuser aller vier Mütter, die hier auf engem Raum friedlich gemeinsam ihr Altenteil verbringen. Den Luxusneubau des Schmuckhändlers. Seinen kleinen Hausaffen und schließlich die Moschee des Dorfes, den Festplatz und bei einem kurzen Spaziergang die Umgebung. Da wir seine Gäste sind, hat er seine Schwester gebeten, uns ein Festessen zu bereiten, Reis mit einer Sauce aus getrocknetem Fisch, Kartoffeln und Kohl, scharf und wahnsinig intensiv. Wenn nur der Fisch nicht mit allem drum und dran in winzige Stücke zerhackt in der Sauce gelandet wäre. Wir schwanken zwischen sehr sehr lecker (der Geschmack) und ungeniessbar (die Gräten und Kiemenstücke), aber fräsen uns höflich durch den Gemeinschaftsteller.

Da seine Mutter krank ist, haben sich zwei seiner Brüder auf den Weg von Conakry und Kindia nach Diari gemacht. Eine beschwerliche fast achtstündige Reise über schlechte Straßen, die auch der neue Jeep nicht wirklich verkürzen kann. In der Abenddämmerung erreichen die beiden Brüder das Dorf und lassen sich erschöpft in die Ledersessel sinken. Gut für uns. So können wir uns mit dem blitzgescheiten mehrsprachigen Medizinprofessor am nächsten Morgen auch nochmal ausführlich unterhalten und erfahren weitere Dinge über die Familie, die Fula und das Leben in Guinea. Der Professor ist einer von drei Medizinprofessoren in Guinea. Seine ersten Jahre als fertiger Arzt hat er in Frankreich gelebt, später ist er zurückgekommen, weil er sich seinem Land gegenüber verpflichtet fühlt. Er ist Neurologe. Neben der Arbeit im Krankenhaus lehrt an der Universität in Conakry. Er ist der erste Afrikaner, mit dem wir sprechen, der über Zeitdruck und Arbeitsüberlastung spricht. Der es manchmal müde ist, in Lärm, Hitze und Gestank des Molochs Conakry zu leben und arbeiten und lieber in der Ruhe und Kühle Labés wäre. Der sich aber seiner Verantwortung als einer der wenigen Rückkehrer nach Guinea bewusst ist und daran glaubt, dass sich sein Land trotz der massiven Probleme mit der Regierung entwickeln wird, wenn nur genügend Menschen wie er daran mitarbeiten.

Tatsächlich ist das Land in desolatem Zustand. Zwar haben wir niemanden gesehen, der Hunger leidet, aber die Infrastruktur ist wahnsinnig schlecht. Die Straßen sind löchrig oder in der Hand der Chinesen, die im Gegenzug für den Straßenbau den einzigen wertvollen Rohstoff des Landes verlangen, Bauxit. Die Müllabfuhr fehlt weitgehend, der Müll liegt überall herum und stinkt. Die Krankenhäuser sind nicht mal mit dem nötigsten ausgestattet, die Arzneischränke leer, Gerätemedizin kennt man hier quasi nicht. Strom gibt es wenn überhaupt nur wenige Stunden am Tag. Die Feldarbeit wird weitestgehend mit den Händen verrichtet. Fließendes Wasser aus dem Hahn gibt es nur in der Stadt und da auch nur in jedem 10. Haus. Für die Busse im öffentlichen Nahverkehr gibt es im ganzen Land keine Ersatzteile zu kaufen. Noch schlimmer steht es um die Bildung. Den öffentlichen Schulen fehlt es an Lehrmaterialien. Den Universitäten an Computern. Den Professoren, sofern sie in Guinea ausgebildet wurden, an Wissen. Verlässt ein Professor die Universität gibt es niemanden, der seinen Platz ausfüllt. Wer kann, verlässt das Land und kommt nicht zurück. Unzählige Male wurden wir gefragt, ob wir nicht eine Einladung für ein Visum nach Deutschland aussprechen können. Denn die Hoffnung der Jungen liegt auf einer Zukunft in Europa. Ein Europa, von dem sie nicht hören wollen, dass ihre Ausbildung nicht reichen wird, um im Wettbewerb standzuhalten. Ein Europa, in dem sie zwar mehr verdienen als zuhause, aber auch ganz andere Ausgaben haben. Ein Europa, dass Sicherheit und Ordnung verspricht, aber ein ganz anderes Verständnis von Familie und Arbeit hat. In dem eine Familie mit 24 Kindern als asozial angesehen wird und die Frauen sich weigern, zuhause zu bleiben. Alles das wollen sie nicht hören, nicht wissen.

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