Same Mother Same Father II

Nach 11 Tagen am Wasserfall müssen wir weiterziehen. Unser Weg führt uns nach Conakry, wo wir das Visum für die Elfenbeinküste beantragen wollen. Als Razak das hört sagt er, dass wir nicht alleine mit dem Wagen nach Conakry fahren sollen. Er gibt uns den Kontakt zu seinem jüngeren Bruder Tijan, same father same mother, der lebt und arbeitet in Conakry. Er sagt, dass er ihm Bescheid gibt und wir uns einfach dort melden sollen, wenn wir wissen, wann wir ankommen. Nach den guten Erfahrungen mit Razak nehmen wir das Angebot gerne an. Kurz bevor wir in Conakry sind nehmen wir Kontakt mit Tijan auf, der uns sofort zu sich einlädt. Er lebt in Foulamadina, einem Stadtteil von Conakry etwa 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Als wir in Conakry ankommen, das sich vom kolonial geprägten Stadtzentrum am Meer aus viele Kilometer lang eine Flußmündung an Sümpfen und Mangroven entlang zieht, denken wir, das Ende der Welt beginne definitiv hier. Mannshoch liegen Müllberge auf den Straßen, teils sind diese in Brand gesetzt worden, so dass dunkle stinkende Rauchschwaden über den Dächern hängen.

Dazwischen findet rege Markttätigkeit statt, die sich bis auf die vierspurige Straße erstreckt und kilometerlange Staus erzeugt. Da es im Schrittempo teils bergauf geht, bleiben immer wieder altersschwache Autos und Busse mitten im Verkehr liegen. Keiner hilft die Autos aus dem Verkehr zu schieben. Alle hupen und drängeln und verursachen dadurch noch mehr Chaos in dem stinkenden lärmenden Dreck, der sich Conakry nennt.

Mit Tijan sind wir an einer Kreuzung verabredet. Wir erreichen den Ort erst, als es bereits dämmert. Für 100 Kilometer haben wir heute dank schlechter Straßen 7 Stunden gebraucht. Dafür aber die ersten wunderbar süßen Ananas an der Straße erstanden. Wir stellen uns mitten auf die verdreckte Lehmfläche des riesigen Kreisverkehrs, die auch einem Autoverkäufer als Verkaufsfläche dient, und hoffen, dass Tijan uns findet. Nach einigen kurzen Telefonaten taucht plötzlich ein freundliches Gesicht im Fenster auf. Razaks Augen, aber mit kurzen Haaren statt Dreadlocks und etwa 15 Jahre jünger. Um uns abholen zu können hat er einen Nachbarn gebeten, ihn mit dem Motorrad zu fahren und nun sausen die beiden vor uns her, so dass wir Mühe haben zu folgen. Vom Asphalt geht es zwischen Straßenhändlern und Benzinverkäufern rechts ab auf eine löchrige Piste und dann um mehrere Ecken mitten hinein in die Foulamadina, die Stadt der Foula in Conakry. Vor einem großen Tor bleiben wir schließlich stehen. Das Tor öffnet sich und wenige Minuten später ist der Igl auch schon im Innenhof von Tijans Haus und wirkt dort wegen seiner Größe etwas deplatziert. Für Fragen ist jetzt aber keine Zeit. Der Ramadan hat begonnen und alle warten schon auf Tijan, um das Abendgebet zu sprechen und danach endlich das Fasten für diesen Tag zu brechen. Kurz wird auf einem großen Gebetsteppich gemeinsam nach Mekka gebetet, dann beginnt auch schon der fröhliche Teil mit einem Essen, das nach Kartoffelklößen mit Soße schmeckt und einem Mango Bananen Zwiebel Palmöl Gericht, das heiß serviert und gemeinsam aus einem großen Topf gelöffelt wird. Der Innenhhof besteht aus gestampftem Lehm. Um das Zentrum des Hofes gibt es 4 Häuser, zwei davon bewohnt, zwei im Rohbau, davor ein orangener Plastikgartentisch mit drei Stühlen. Die Häuser gleichen denen in Diari. Geputzte einstöckige Häuser mit gefliestem Boden und Terasse. Auch hier ein westliches Bad – aber weder Toilette noch Waschbecken an die Wasserversorgung angeschlossen. Wie fast jeden Tag ist der Strom ausgefallen, alle behelfen sich mit Taschenlampen, deren Strahl zur Decke gerichtet ist, oder der entsprechenden Funktion ihrer Smartphones. Tijan gehört offenbar das Gelände und das größte der Häuser. Er hat – bisher – eine Frau und einen kleinen Sohn von etwa 18 Monaten, den er oft und gerne auf dem Arm trägt. Neben den dreien leben dort noch ein entfernter Verwandter, vielleicht ein Onkel, zwei etwa 16jährige Jungs, die in Conakry zur Schule gehen, deren Familien aber in Kindia sind, ein Hausmädchen und mindestens drei weitere Personen, deren Verwandtschaftsverhältnis wir nicht eruieren können. Die beiden Jungs schlafen nachts auf dem Boden im Wohnzimmer. Da es hinter der Küche des Hauses einen Wasserhahn gibt, der fließendes Trinkwasser führt, gehen zudem den ganzen Tag Kinder und Frauen aus den Nachbarhäusern ein und aus, um ihre Wasserreservoirs aufzufüllen. Dann gibt es noch diverse Freunde der Jungs und von Tijan, die von Zeit zu Zeit auf einen kurzen Schwatz vorbeikommen.

Tijan selber ist etwa Mitte dreißig. Er hat Wirtschaft studiert und ist der kaufmännische Geschäftsführer einer privaten Schule, die sein Bruder, der Professor, gestiftet hat. 12 Jahre lang führt er die Geschäfte der Schule nun, die mittlerweile 500 Schüler hat. Im nächsten Jahr wird die erste Klasse Abitur machen. Wir sind neugierig und bitten Tijan, seine Schule besuchen zu dürfen. Er freut sich sichtlich und am nächsten Tag noch vor Beginn der ersten Schulstunde steigen wir alle drei auf ein Motorradtaxi. Es geht über Pisten und Grasbrachen und schließlich stehen wir vor einem 5 stöckigen Betonbau, der um einen Innenhof herum gebaut wurde.

Wenn das eine Schule ist, wie sehen dann die Gefängnisse aus entfährt es Robert, als wir auf das Gebäude zufahren. In der Tat, auch ich finde den Bau nicht gerade ansprechend. Innen sieht es dann viel besse aus, aufgeräumt und kkar strukturiert. Auf jedrm Stock gibt es Wandelgänge zum Hof. In den Fenstern gibt es kein Glas, weshalb eine für Conakry ungewöhnlich angenehme Brise die Klassenräume durchweht. In den Klassen einfache Holztische und Stühle und je eine Tafel. Ansonsten sind die Räume karg und schmucklos. Tijan stellt uns in jeder Klasse kurz vor und wir grüßen alle Schüler und schütteln die Hände jedes Lehrers und des Schulleiters. Wie bereits vor Jahren bei unserem Besuch der aserbaidschanischen Schule versuchen wir auch hier uns mit dem Englischlehrer zu unterhalten, aber ohje, sein Englisch reicht gerade so für eine höfliche Begrüßung. Darüber hinaus ist wenig Konversation zu betreiben, er versteht unser Englisch nicht und kann selber kaum zwei Sätze formulieren.

In der 12. Klasse wünscht sich Tijan dann von uns, den Schülern zu erklären, dass sie unbedingt ihren Schulabschluss machen müssen. Viele von ihnen glauben, dass wenn sie nach Europa fliehen können, Wohlstand und Glück sich automatisch einstellen. Sie erzählen von einem Klassenkameraden, der zu Fuß von Guinea bis Marokko gelaufen ist, es bis nach Italieen geschafft hat und dort von zwei Italienern adoptiert wurde und seiner Mutter, einer alleinstehenden sehr armen Frau, die davon lebt, Benzin in 1 Literflaschen an Mototaxis zu verkaufen, monatlich 35 Euro schickt. Für eine arme Frau ist das genug, um sich einen Monat lang zu ernähren. Sie glauben, dass er es zu etwas gebracht hat und dass auch sie einfach gehen sollten. Sie wünschen sich eine bessere Zukunft als Guinea ihnen bieten kann. In Europa. Tijan und ich erklären, dass fast jedes Kind in Deutschland einen Schulabschluss hat. Dass es schon jetzt viel zu viele Menschen dort gibt, die sich die wenige Arbeit für Ungelernte teilen müssen. Dass sie sich ohne Abschluss in einen Wettbewerb am unteren Ende des sozialen Spektrums begeben, den sie nicht gewinnen können. Dass sie im unteren Lohnsegment nicht genug verdienen werden, um 40 Euro im Monat nach Hause zu schicken, weil zwar der Stundenlohn in Deutschland höher ist als hier, aber dafür auch die Ausgaben. Dass Versicherung, Miete, Heizkosten und Nahrungsmittel einen Großteil des Verdienstes auffressen. Ob wir sie mit diesem Appell erreicht haben weiß ich nicht. Zumindest haben sie aufmerksam zugehört.

Abends sitzen wir nach dem Fastenbrechen noch lange mit den Hofbewohnern zusammen und reden. Tijan möchte gerne zusätzliches Geld verdienen, indem er alte Mercedes 190 aaus Deutschland importiert und hätte uns gerne als Geschäftspartner. Aber wir glauben nicht, dass wir gute Autoexporteure wären und sein wollen. Das kann er nicht verstehen. So ein schnell verdientes Geld. Seine Tante ist die erste Frau , die wir in Guinea kennengelernt haben, die alleinstehend ist, keine Kinder hat und einem Beruf nachgeht. Sie gefällt mir sehr gut, wir verstehen uns auf Anhieb. Sie ist auch die erste Frau, die abends wie ich mit in den Männerrunden sitzt und ungefragt mitredet. So st beschränkt sich der Beitrag der Frauen leider meist auf das Kochen und Servieren des Essens. Das ist einer der Gründe, warum ich mich im muslimisch geprägten Westafrika oft besonders fremd fühle. Als Frau ohne Kinder, unverheiratet aus eigener Motivation, studiert und berufstätig, bin ein Alien. Sowas wie mich gibt es hier eigentlich nicht.

Tijan selber lebt viel traditioneller als sein Bruder auf dem Land. Er ist gläubiger. Ehrgeiziger. Will etwas erreichen im Leben. Razak ruht sich auf dem Wohlstand seiner Familie aus. Er ist der einzige erwachsene Mann der Familie, der dauerhaft in Diari geblieben ist. Vielleicht gibt es hier auch eine Übereinkunft, dass einer der Söhne bei den Müttern bleibt, während die anderen in die Welt ziehen und den Wohlstand der Familie mehren. Tijan jedenfalls, der will hoch hinaus. Der will mehr als einen Lehmbodeninnenhof in der Foulamadina. Er weiß nur noch nicht genau wie er es anstellen soll. Als ich mir mein Urteil über ihn bereits gebildet habe, überrascht er mich dann doch nochmal. Obwohl auch seine Frau abends nicht mit in der Männerrunde sitzt, stellt sich heraus, dass er sowohl ein Kindermädchen bezahlt, als auch das Geld für ihr Wirtschaftsstudium zur Verfügung stellt. Weil er möchte, dass sie einen Beruf ergreift und sie beide Geld verdienen. Das versöhnt mich ein wenig mit den Traditionen der Fula, die sich so unveränderlich anfühlen. Geht ja doch, denke ich und freue mich, dass die junge Generation in Guinea ehrgeizig ist und Veränderung will.

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