Guinée Forrestière I

10.5. – 19.5.2019

Ab hier wird es stetig grüner und die Nahrungsmittellage entspannt sich etwas. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass Guinea kein gefälliges und einfaches Reiseland ist. Das Land ist abwechslungsreich und die Natur mit ihren Palm-Wäldern, Sümpfen, Plantagen, Wasserfällen, Flüssen und riesigen Bambusstauden ist weitaus vielfältiger als in Guinea Bissau.

Aber wo man hinsieht liegt Dreck. Jeder lässt seinen Abfall genau vor seiner Haustüre liegen. Wer es etwss besser machen möchte bringt den Müll bis zum offenen Abwasserkanal an der nächstgrößeren Straße. Mit dem Ergebnis, dass spätestens zur einsetzenden Regenzeit Müll und Wasser eine stinkende Allianz eingehen. Nicht selten haben wir auch tote Kühe oder lebende Schweine in den offenen Abwasserkanälen am Strassenrand gesehen. Erstere steigern den Gestank ins unermessliche, letztere Suhlen sich vergnügt in dem blaugrünen Sud. Strom funktioniert nur stundenweise, wenn es überhaupt welchen gibt. Männer schicken Frauen und Kinder bei sengender Hitze zum Arbeiten aufs Feld oder auf den Markt und setzen sich selber zum Teetrinken in den Schatten. Brot, Reis, Mangos und Mayonnaise gibt es überall, aber was darüber hinaus geht, kann man getrost Luxus nennen. Das einzige was es Dank der deutschen Preussag AG und den Saudi Arabischen muslimischen Gemeinden überall gibt, ist sauberes Wasser aus versiegelten Tiefbrunnen. Und ab und an ein Teilstück besten chinesischen Asphalts. Quid quo pro?

Die kaputten Gummilager der Blattfedern im Igl knarzen täglich lauter, so dass wir befürchten, die Federn werden beim nächsten oder übernächsten Schlagloch abreißen. Aber in Guinea gibt es keine Ersatzteile und niemanden der sie zuverlässig einbauen könnte. Jeder der etwas auf sich hält versucht das Land auf schnellstem Wege zu verlassen. So jedenfalls fühlt es sich an, wenn jeder junge Mann dem wir begegnen ohne Umschweife darum bittet eine Einladung zu bekommen um ein Touristen Visum für Europa zu beantragen. Und dann, wie die meisten unverhohlen zugeben, abzutauchen, um nie wieder nach Hause zurückzukehren. Wir ergänzen dann meist, dass sie dann wohl auch nicht mehr zurück können. Das schockiert aber hier niemanden. Wir finden, das ist zu kurz gedacht. Das sehen die Guineer anders.

Kein Tag vergeht an dem wir nicht über die Gründe für Flucht aus Afrika reden. Über die Umstände die dazuführen und darüber wie Europa sich sinnvoller Weise verhalten kann, damit die Öffentlichkeit nicht erst dann auf die Schwierigkeiten aufmerksam wird, wenn es bereits Ertrunkene im Mittelmeer gibt. Wir kommen zu keinem Ergebnis. Unser erster Impuls ist, weniger Europa in Afrika zu haben, um diejenigen, die hier Eigeninitiative zeigen, darin zu bestärken, dass sie ihr Land aus eigener Kraft verändern können und im Gegenzug diejenigen, die jetzt das Entwicklungshilfegeld einstreichen, durch Schließung der Geldquellen zu entmachten. Alle die Dinge die Europäer in Afrika tun, langsam aber entschlossen zu beenden. Alle NGO Projekte, die nicht dazu führen, dass der Mißstand den man beenden wollte behoben ist, einstellen und keinen Ersatz schaffen. Alle Konzerne, die billig Rohstoffe wie Palmöl einkaufen und teures Nutella zurückschicken, in die Schranken weisen. Alle Länder, die sich mit billigen Deals Rohstoffe wie Bauxit oder Tropenholz gegen schlechte Asphaltstraßen unter den Nagel reißen, stoppen. Überhaupt, mit Regierungen die über Jahrzehnte jede finanzielle Hilfe in die eigenen Taschen umgeleitet haben, gar keine Deals mehr machen. Ob das die Dinge für den oder die Einzelne wirklich verbessern kann? Vielleicht würde es wenigstens denen, die im Land wirklich anpacken wollen, Kraft und Mut geben, etwas zu bewegen. In Guinea bewahrheitet sich jedenfalls das Sprichwort „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ ganz klar.

Aber was rede ich, es soll ja hier darum gehen, was wir täglich auf der Reise erleben, nicht um Weltpolitik. Denn so halten es die Afrikaner wohl auch. Sie sind Meister der Gegenwart und des kleinen SmallTalks. Was im Großen schief läuft gleichen sie mit ihrem entschlossenen Leben im Hier und Jetzt und ihrer täglichen Arbeit am Gesamtkunstwerk Mensch aus. Nie haben wir so viele durchtrainierte Männer gesehen. Nie so viele aufs sorgfältigste geschminkte und manikürte Frauen. Es ist uns ein Rätsel, wie die Frauen es schaffen, ihre Kleidung trotz staubiger Pisten und nun häufiger werdenden Regenfällen, per Handwäsche im Fluss so sauber zu halten. Wir staunen täglich über die fantasievollen Muster in den Haarschnitten der Männer, die Vielfalt der Frisuren und Perücken der Frauen. Wir freuen uns über die leuchtenden Farben der Kleider und Stoffe und die kleinen Plastikdelphine und Kirschen, die kleine Mädchen an Festtagen an jedem Zopfende tragen und die bei jeder Bewegung anders leuchten und in der Sonne glitzern. Ja, selbst die Gebetsteppiche, die dünnen Tagesdecken auf den Betten, die Putzeimer und die kleinen Plastikteekannen, die mit Wasser gefüllt in jeder Toilette zur Spülung stehen, tragen bunte Farben und versöhnen ein wenig mit dem Dreck, den Müllbergen und dem Gestank in den Straßen.

Froh, Conakry hinter uns gelassen zu haben und wissend, wie lange wir für 100km auf dem Hinweg gebraucht haben, steuern wir den Voilèe de la Marièe kurz hinter Kindia an. An diesem magischen Ort unter einem gigantischen Bambus stehen wir einige Tage mit Blick auf den wie ein Schleier aus 20 Metern herabströmenden Wasserfall. Wie oft in Guinea brauchen wir nach den Orgatagen Zeit, um unsere Wäsche zu waschen, Trinkwasser herzustellen und uns ein wenig von den anstrengenden Behördengängen zu erholen. Auch Thio ist sofort hellauf begeistert, denn sobald alle lokalen Besucher, die meist Angst vor dem Hund haben, abends den Wasserfall verlassen haben, darf er frei herumlaufen und in dem Wasserbecken baden, in das das Wasser fällt. Ausserdem ist es auch tagsüber angenehm kühl wegen des Bambus und des Wasserfalls.

An einem Tag kommt eine Pickup Wagenladung voller Ärzte aus Conakry vorbei, um sich zu erfrischen. Sie fahren zu Beginn der Regenzeit durchs Land und verteilen kostenlos Mosqutionetze. An einem anderen Tag ein Promoteam aus Kindia, die Schönheitsprodukte aus Moringa Blättern verkaufen. Leider haben sie keinen Tee dabei. Den hätten wir sofort genommen. Dann wieder eine Gruppe junger Männer mit ihren Motorrädern, die die langen warmen Tage im Ramadan damit verbringen, im Schatten auf ihren Gebetsteppichen zu liegen. Nachts ist es stockdunkel hier, man sieht die Hand vor Augen nicht. Dafür hören wir umso besser das nun schon bekannte grunzende Geschrei von Schimpansen. In der ersten Nacht noch ganz entfernt, in der zweiten Nacht ganz aus der Nähe, vielleicht haben sie in den Palmwipfeln direkt hinter dem Bambus ihr Nachtquartier bezogen. Wir erschrecken jedenfalls ganz schön, als bei einem nächtlichen Pinkelausflug plötzlich der Schimpansenchef erwacht und keine 10 Meter von uns entfernt Alarm schlägt.

Nach einigen Tagen fahren wir weiter gen Süden nach Waldguinea. Wunderschöne grüne Hügel erwarten uns dort und tropische Fülle. Im Grenzgebiet von Sierra Leone werden wir nachts von einem Militär geweckt, der die Marihuana Schmuggler in Empfang nimmt, die ihre Güter mit Mopeds über die grüne Grenze transportieren – und sie vor unseren Augen durchwinkt. Das war die erste Nacht, in der Eva nicht geschlafen hat aus Angst, dass der korrupte Militär zurückkomt um seine ungewollten Mitwisser zum Schweigen zu bringen. Das Gegenteil passiert. Am nächsten Morgen steht er mit Mopped schon vor dem Igl und verlässt uns nach einem ausgedehnten morgendlichen Plausch inklusive einer kleinen Fotoshow seiner Frau und Kinder und gemeinsamem Fototermin mit den Worten, dass wir bei Polizeikontrollen vorsichtig sein und keine FlipFlops tragen sollen und unsere Warndreiecke parat haben sollen.

Wir machen Halt in Kissidougou, wo wir zwei Tage im fantastisch grünen Busch – en brousse – vor den Toren der Stadt übernachten, bis uns ein Militär dort mit dem Argument wegkomplimentiert, dass wir im Busch nicht schlafen dürfen, weil er dort für unsere Sicherheit nicht garantieren kann und wir nun eine hohe Strafe zahlen müssen. Mittlerweile sind wir Profis im Wegverhandeln von Strafandrohungen und erklären ihm, dass wir weder ein Schild gesehen haben, noch einen Paragraphen kennen, der es uns verbietet im Busch zu schlafen. Er beharrt und lässt erst ab, als wir mit ihm gemeinsam zu seiner Dienststation fahren wollen, damit er uns den Paragraphen zeigen kann, der uns das Schlafen im Busch verbietet. Das klapppt. Er telefoniert noch zweimal und verabschiedet sich dann freundlich. Auf unsere Versicherung, dass wir in einer halben Stunde weg sein werden sagt er lapidar, na, jetzt könnt Ihr auch dableiben. Am nächsten Tag werden wir von zwei Straßenpolizisten zum Stadtbrunnen eskortiert, statt wie eigentlich von ihnen geplant, ein hohes Bußgeld zur Aufbesserung des Gehalts kurz vor dem Wochenende zu bezahlen.

In Kissidougou besuchen wir die Ausbildungs-Autowerkstatt eines Schweizer Missionars. Wir reisen mit großen Hoffnungen an. Das Visum für Guinea haben wir nur wegen dieses Werkstattbesuchs verlängert. Wir hofften, dass die knarzenden Igl Federaugen hier mit Schweizer Präzision gewechselt werden könnten. Aber weit gefehlt. Von den Fähigkeiten her hätten die Jungs das unter Anleitung des Schweizer Volontärs wohl geschafft, aber die Ersatzteile sind auch hier nirgends aufzutreiben, so dass am Ende eine afrikanische Variante verbaut werden muss. Statt 4 cm Kautschuk sitzen nun einige alte per Hand geschnitzte LKWReifen Stücke in den Federaugen. Robert ist genervt, enttäuscht und zerknirscht. Diese Reparatur kann nicht lange halten und bis Abidjan sind es noch über 1000km. Mittags dürfen wir mit allen Mitarbeitern zusammen essen. An 2 großen Blechschüsseln sitzen je 6 Leute. Jeder bekommt einen Löffel und beginnt, vom Rand her, das leckere Reisgericht zu löffeln. Wenn es gut läuft, sind Hühnerteile oder Fischstücke mit dabei, die werden vom ranghöchsten Mann gerecht zugeteilt. Hier aber gibt es nur die einfache Version des Gerichts, was uns aber sehr efreut. Riz avec feuilles vertes. Reis mit einer Soße von gestampften Maniokblättern, huile rouge, rotem Palmöl, und nicht zu knapp Knoblauch und Chilli. Wir finden: eine Delikatesse. Das Ganze gibt es auch noch mit scharfer Erdnussoße, ebenfalls sehr lecker, und mit einer Sauce aus Kartoffelblättern.

Am nächsten Tag wollen wir unseren Wassertank auffüllen bevor wir weiterfahren und entdecken einen Tiefbrunnen hinter einer Moschee. Wir fragen, ob wir hier Wasser tanken dürfen und erhalten die Erlaubnis, sowie viel Hilfe beim Pumpen von den Kindern aus dem Viertel. Irgendwann stehen allerdings so viele Kinder vor dem Wagen und staunen, dass es Thio zu viel wird und wir die Tür schließen müssen. Auf einem Moped kommt ein dicker Mann angebraust, hält kurz, stellt sich als Marabou der Gemeinde vor und lädt uns zu sich ein. Wir bedanken uns und kündigen unseren Besuch für den Nachmittag an, wenn das Wasserprojekt beendet ist. Später laufen wir dann mit Thio zusammen zu seinem Hof, oder besser Gehöft, mit 4 Häusern, in deren Mitte ein schöner Schatten spendender Baum steht, der umbaut ist mit einer runden gekachelten Sitzbank. Der Marabou erzählt uns davon, dass er die Naturheilrezepte seiner Großmutter aufgeschrieben hat und nahezu jede Kramkheit auf natürliche Weise heilen kann. Er träumt davon, mit seinen Studenten einen Schulgarten hinter seinem Haus einzurichten, in dem die Heilkräuter angepflanzt und geerntet werden können. Die Rezepte hat er in seiner großen Aktentasche abgelegt. Sie sind handschriftlich in mehreren abgegriffenen DIN A 5 Schulheften festgehalten und bilden seinen größten Schatz. Er erzählt, dass er das Projekt schon in Sack und Tüten hatte und an der Universität in Conakry einen Professor für Medizin gefunden hatte, der mit ihm zusammenarbeiten wollte, aber dieser sei nun leider gestorben und mit ihm auch die Möglichkeit an Gelder zu gelangen. Ob wir nicht vielleicht….? Nein….? Irgendwann versteht er, dass wir nicht in sein Geschäft einsteigen werden. Er bleibt dennoch freundlich und lässt aus dem Busch hinter dem Haus verschiedene Pflanzen holen, die, zu einer Paste gestampft und auf die Haut aufgetragen, die Malariamücken abhalten soll.

Am nächsten Tag fahren wir über holprige Asphaltstraßen weiter Richtung Süden und erreichen in der Dämmerung die Ziama Wälder bei Seredou.

3 Kommentare zu „Guinée Forrestière I

  1. Danke Eva, ich halte in einer Karte fest wo ihr lang fährt. Jetzt von kinda nach abidjan. Lg axel
    Wir Machen Blau schrieb am So., 21. Juli 2019, 17:51:
    > Wir Machen Blau posted: „Ab hier wird es stetig grüner und die > Nahrungsmittellage entspannt sich etwas. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass > Guinea kein gefälliges und einfaches Reiseland ist. Das Land ist > abwechslungsreich und die Natur mit ihren Palm-Wäldern, Sümpfen, Plantagen, > “ >

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