Guinee Forrestiere II

Wir machen Halt in Seredou in den Ziama Wäldern. Seredou ist ein kleines Dorf. Die Regionalregierung hat hier eine Test- oder Lehrlandwirtschaft angelegt. Die Menschen bauen auf kleinen Flächen alle möglichen Nutzpflanzen an und verarbeiten diese auch gleich vor Ort. Es gibt Mais, Ölpalmen und eine Palmölproduktion, eine Baumschule und eine Möbeltischlerei, eine kleine Bananenplantage, eine Ziegenfarm und vieles mehr. Die großen offenen Scheunen mit Holzflugdach sehen eher unafrikanisch aus. Als hätte hier wieder einmal ein Europäer die Finger im Spiel gehabt. Einer der typischen Tiefbrunnen Marke Preussag AG, sowie ein in europäischem Stil errichtetes Wohnhaus mit Ziergarten (das gibt es in Afrika eigentlich gar nicht), ein Lehrzentrum für Förster sowie ein idyllisches Gelände mit mehreren Gästehäusern sind weitere Indizien für ein europäisches Kooperationsprojekt. Wir suchen und finden den – allerd afrikanischen – Chef der Anlage und erhalten die Erlaubnis, für einige Tage auf der Anlage des Gästehauses stehen zu dürfen. Ein wunderschöner schattiger Platz auf einer Wiese unter hohen Bäumen und Riesenbambus.

Von hier aus unternehmen wir mit einem Führer eine Wanderung auf den nächstgelegenen Berg quer durch den Dschungel. Bei 95% Luftfeuchtigkeit und 36 Grad im Schatten in steter Steigung über 2 Stunden hinweg eine schweißtreibende Angelegenheit. Von oben bis unten durchgeschwitzt erreichen wir unser Ziel, nur um festzustellen, dass auf der Bergspitze drei riesige Funkantennen stehen. Diese werden angetrieben durch mehrere Generatoren, deren eher unromantisches Gebrumme unsere kurze Rast begleitet. Wir hatten auf einen schönen Ausblick ins Tal gehofft, aber der Dschungel ist so dicht, dass wir nur erahnen können, dass es unten ein Tal gibt. Nach kurzem Aufenthalt steigen wir auf demselben Weg etwas ratlos wieder ins Tal hinab. Unser Guide ist wenig auskunftsfreudig, mit der Tierwelt kennt er sich nicht aus, sagt er. Nur mit dem Wald. Auf unsere Frage, ob er keine Angst vor Schlangen habe, sagt er, doch, sogar sehr. Einen Weg, den er noch nicht kennt, würde er in diesem Wald niemals gehen. Aha.

Keine Ahnung, was genau wir so lange an diesem Ort getrieben haben. Am Ende sind wir jedenfalls 5 Tage dort gewesen. Haben unsere Wassertanks gefüllt. Unsere Dusche ausprobiert. Herrlich! Vier Ananas in Seredou gekauft, die so süß und aromatisch waren, dass wir nie wieder deutsche Ananas essen können und eine neue Leidenschaft entdeckt. Hörbücher. Seitdem hört Robert Hörbücher, wann immer es die Zeit zulässt. Wir haben auch viel Dame gespielt, wobei ich nach 3-4 Spielen immer schlechte Laune bekomme, weil Robert so viel besser spielt und immer gewinnt. Wir haben mehrfach alle Gewerke besucht, die Schreinerei, die Palmölproduktion und die Ziegenfarm. Wir haben mit den Auszubildenden des Lehrbetriebs gesprochen, mit den wenigen Besuchern der Gästehäuser, dem Tankwart, dem Chef der Forstbrigade, die übrigens unter militärischer Führung steht, und der Familie, die im Wald lebt und die Gästehäuser in Schuss hält. An einem Abend hatten wir Gesellschaft von zwei Niederländern, die mit ihrem Landcruiser bis Südafrika fahren wollen. Gemeinsam genießen wir es, einen Abend lang den europäischen Frust über die afrikanische Gottergebenheit rauszulassen. Wie zynisch wir sein können. Hätten wir selber nicht gedacht. Als wir dann irgendwann weiterfahren sind wir uns einig, dass dies seit langem mal wieder ein richtig schöner und entspannender Ort war.

Weiter geht die Fahrt nach Nzerekore. Seit 360km fahren wir paralell zur Gremze nach Sierra Leone. Nun geht es am Grenzdreieck Sierra Leone-Guinea-Cote d Ivoire vorbei, wo in Gueckedou Lastwagen mit allen erdenklichen Waren zusammentreffen. Kühe, Schweine, Schrott, Reis, Mehl, Palmöl, Mais und vieles andere wird hier in Lastwagen über die Grenzen transportiert, die in Deutschland schon aus 2km Entfernung bei jedem TÜV durchfallen würden. Unterwegs sieht man immer wieder Grasbüschel auf der Straße liegen. Sind sie frisch, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass hinter der nächsten Ecke ein Wagen liegen geblieben ist.

In Nzerekore angekommen fahren wir zielstrebig die katholische Mission an und finden inmitten der lauten, dreckigen Stadt ein kleines grünes Paradies. Ähnlich wie in der Mission in Conakry gibt es hier ein Gästehaus, in dem geschäftsreisende Afrikaner sich genauso einmieten wie Volontärinnen einer NGO oder ein junges deutsch-französisches Pärchen, das – die eine in Ethonologie, der andere in Medizin – seine Doktorarbeit über Malaria bzw. den Umgang damit schreibt. Froh nach der leider wieder mal schlechten Asphaltstraße angekommen zu sein, lassen wir uns vor dem Igl ins Gras fallen und entspannen uns. Am Nachmittag haben die beiden Doktoranden unterwegs ein deutsch-belgisches Backpacker Pärchen aufgelesen, die sie ebenfalls in die Mission bringen. Und am späten Nachmittag biegt noch ein junger Israeli um die Ecke, ebenfalls mit Rucksack.

Hut ab. Das sind die ersten Backpacker, die wir seit Marokko treffen. Wie oft haben wir unterwegs die Afrikaner bemitleidet, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Inga und Kenneth erzählen uns nun aus erster Hand wie unkomfortabel das Reisen auf diese Art in Guinea ist. Das glauben wir sofort. In Wagen, die nicht größer sind als der Igl transportieren die Fahrer 20 Personen plus Gepäck auf dem Dach. Nicht selten liegen obenauf noch zwei Mopeds oder ein Schafsbock, die wieder durch einen jungen Mann gesichert werden müssen, der dann lässig in 3 Meter Höhe auf dem ganzen Berg hockt, die Fracht mit seinem Gewicht stabilisiert und hofft, dass der Fahrer nicht bremsen muss. Inshallah. Hinten angebunden befinden sich noch ein oder zwei Ersatzreifen und dazwischen schauen die Köpfe von lebenden Hühnern heraus, die mit Stricken festgezurrt sind. Fahrten dauern 6 bis 10 Stunden, egal wieviele Kilometer. Pausen gibt es nur, wenn das Vehikel eine Panne hat, was allerdings bei quasi jeder Fahrt mindestens einmal der Fall ist. Ich weiß nicht, ob ich so reisen möchte, obwohl ich es immer war, die nicht mit dem Auto, sondern mit dem Rucksack losfahren wollte. Vielleicht in Asien oder Lateinamerika wieder. Aber in Afrika? Ich weiß nicht.

Die nächsten Tage verbringen wir gemeinsam in unserer neu gefundenen europäischen Reisegruppe in der Mission. Wir kochen gemeinsam am Igl Reis mit Auberginen und Arachid, einer sehr schmackhaften Erdnussauce, und erzählen uns gegenseitig Reisegeschichten. Robert und ich bekommen leider beide eine Streptokokkeninfektion, die plötzlich im Gesicht, an Armen und Händen auftaucht und besonders bei mir große Eiterblasen quasi aus dem Nichts entstehen lässt, die auch noch streut wie wild. Zum Glück sind Emmanuel, der angehende Arzt, und Kenneth, der Krankenpfleger von Beruf ist, da. Gemeinsam diagnostizieren sie die Streptokokkeninfektion und wir können Salbe und Betadin kaufen, mit dem die Wunden behandelt werden.

Viele Biere und Gin Tonic später brechen wir nach Bossou ins Nimbagebirge auf, wo wir ein wenig Wandern gehen wollen. Da Inga, Kenneth und Asaf den gleichen Plan haben und wir uns gut verstehen, nehmen wir sie kurzerhand im Igl mit. Der Igl, ohnehin schon leicht überladen, ächzt zwar ob der zusätzlichen 300kg, aber macht seinen Job tapfer. In Bossou gibt es eine Einrichtung, die eine kleine Kolonie von Schimpansen über eine noch zu pflanzende Baumschneise mit einer weiter westlich lebenden größeren Kolonie verknüpfen möchte. Ein eigenartiges Projekt, das schon vor langer Zeit auf viele Jahre angelegt wurde, aber irgendwie nicht vorankommt. Dafür hat die betreuende NGO dem Projektleiter aber zwei nigelnagelneue Toyota Hillux beschert. Auf der Ladefläche des einen ist ein Sofa festgeschnallt worden, auf dem sich der Projektleiter nun durch die Gegend fahren lässt.

Wir bleiben einige Tage, in denen die anderen sich die Schimpansen anschauen, während wir uns noch an die letzte erfolglose Schimpansentour erinnern und auf die Investition von 100€ für die Tagestour verzichten. Ich hätte die Tour ohnehin nicht machen können, da die Streptokokken am Fuß hartnäckig sind und ich keine Blutvergiftung riskieren möchte. So schade es ist, dass ich nun ausgerechnet im Nimbagebirge, auf das ich mich so gefreut hatte, nicht wandern gehen kann, so gelassen nehme ich es wiederum. Denn unsere Gesellschaft ist gut, die Bierkiste voll, wir kochen jeden Abend und hören gemeinsam Musik und endlich komme ich auch dazu das zweite Buch der Reise zu lesen. Die Wanderung im Gebirge hätte pro Nase 100€ gekostet, was ich für absurd hoch halte in einem Land dessen größte Banknote, die 20.000 Guineeischen Francs, umgerechnet 2€ wert ist. Auch die anderen verzichten daher auf diese Wanderung. Die Schimpansentour wiederum unternehmen sie – und kommen tatsächlich begeistert zurück, weil sie die kleine Kolonie aufgespürt und aus nächster Nähe beobachtet haben. Ein wenig wurmt es uns natürlich schon, dass die anderen in dieser fantastischen Umgebung losziehen, denn die Gegend ist wahrlich wunderschön. Und die Schimpansen, tja, aller guten Dinge sind bekanntlich drei.

Schon seit Nzerekore rätseln wir darüber, welcher Grenzübergang nach Cote d Ivoire wohl der Beste sei. Emmanuel hatte erzählt, dass es an der Hauptgrenze in Danané regelmäßig Probleme gibt, weil die Grenzbeamten zusätzlich zum Passavant, das wir diesmal bereits bei Visumsbeantragung in der Botschaft in Conakry beschafft haben, eine sogenannte Vignette Touristique ausstellen wollen. Für die Vignette rufen sie bis zu 200€ auf und reden den Leuten zudem ein, dass eine Eskorte in die nächste Regionalstadt nötig sei, die auch nochmal einen ordentlichen Betrag kostet. Also denken wir über einen anderen Grenzübergang nach, bei Sipilou, etwas nordöstlich. Was uns bisher abhält ist, dass keiner der Menschen, die wir fragen, den Grenzübergang und den Zustand der Straßen dorthin kennt und unsere Karten, die normalerweise jeden noch so kleinen Weg zeigen, eher eine fußweggroße Straße und noch dazu keinen Grenzübergang anzeigen. Bei beginnender Regenzeit und Nationalstraßen, die in schlechterem Zustand sind als bei uns die Feldwege, nicht gerade die sichere Variante.

Am Tag unseres Aufbruchs entscheiden wir uns trotzdem dafür, den Übergang in Sipilou zu testen. Und weil wir uns nach wie vor gut verstehen und das gleiche Ziel haben nehmen wir auch Kenneth und Inga und Asaf weiter mit. Wir haben viel Spaß unterwegs beim Liederraten. Einer singt das Intro eines Songs und die anderen müssen den Song erraten. Stundenlang singen und raten wir. Selten so gelacht. Danke für diese lustige Fahrt.

Die allerdings in einem Grenzkrimi endet. Inga hat das auf ihrem Blog so fantastisch beschrieben, dass ich an dieser Stelle einfach rüberblende zu ihr, wie früher die dritten Programme zur Tagesschau ins Erste geschaltet haben 😉

》》 Die Suche nach den verschwundenen Stempeln 《《

Nach diesem zweitägigen Grenzkrimi sind wir endlich im gelobten Land Elfenbeinküste, auf das alle westafrikareisenden Europäer sich freuen wie die Kinder, weil es dort Supermärkte gibt, die Milch, Käse, Butter und viele andere Dinge führen, die sie lange vermisst haben. So auch wir. Selbst unsere kleine konsumkritische Reisegruppe schwelgt in Vorstellungen von Cafe au Lait, Butterstullen mit Erdbeermarmelade und Pizza Margarita. Wie es wirklich war erzählen wir im nächsten Beitrag…

2 Kommentare zu „Guinee Forrestiere II

  1. Hallo Eva, hallo Robert,

    immer wieder spannend Eure Berichte! Insbesondere weil ihr mittlerweile die Teile Westafrikas schildert, die Teil meines nächsten Overland-Trips in Westafrika sein sollen.

    Spannend für mich, dass ihr da unten noch Backpacker getroffen habt. Auch ich habe es ja mit Rucksack und vielen Buschtaxis immerhin von Cádiz bis nach Conakry geschafft. Muss aber auch zugeben, dass ich nach dieser geballten Konfrontation mit der afrikanischen Verkehrskultur in Verbindung mit der Machtlosigkeit des Passagiers erst einmal eine Pause brauchte. Ein eigener Transport bringt da schon eine Menge Unabhängigkeit…

    Liebe Grüße, weiterhin viel Glück und spannende Erlebnisse für Euch
    Thomas

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