Regenzeit in Guinea – III

4.8. – 5.9.2019 Kankan bis Dinguiraye

Nach 10 Tagen durch die tropische Berglandschaft erreichen wir schließlich Kankan. Mittlerweile hoffen wir nicht mehr darauf, in Westafrika eine Stadt zu finden, in der wir freiwillig mehr als 24 Stunden bleiben möchten, deshalb machen wir auch in der Universitätsstadt nur einen kurzen Boxenstopp und sehen zu, dass wir weiterkommen. Kurz nach Kankan queren wir dann tatsächlich den Niger. Was sich so exotisch anhört ist eher unspektakulär. Eine langweilige Brücke über einen großen Fluß halt. Weiter geht die Fahrt nach Kouroussa, wo ich unbedingt kurz halten möchte, um eine bestimmte Stelle an den Bahngleisen der einzigen Bahntrasse Guineas zu suchen. Nämlich die, an der die Schmiede des Vaters meines jungen Helden aus dem Afrika-Klassiker „Einer aus Kouroussa“ gestanden haben muss. An dem Buch lese ich schon seit Wochen. Es ist das erste Buch, das ich jemals auf Französisch zu lesen begonnen habe (OT „l’enfant noir“). Anfangs habe ich immer nur eine Seite pro „Sitzung“ geschafft, weil so viele fremde Worte in dem Text vorkommen, dass Wörterbuch und ebook direkt nebeneinanderliegen müssen, damit ich verstehe, was dort beschrieben ist. Aber habe ich es einmal verstanden, macht es mir wahnsinnige Freude. Wer wissen möchte, wie Guinea ist, der muss das Buch gelesen haben. Kann ich bestätigen.


Von der N1 biegen wir dann nach Dinguiraye ab, um die riesige Moschee zu sehen, die nach traditioneller Bauweise errichtet und ganz mit Gras gedeckt sein soll. Wir haben ein Foto davon in dem alten Westafrika Reiseführer gefunden, den uns ein Guineer, der heute in Freiburg lebt, geschenkt hat. Er ist aus dem Jahr 2005. Seitdem hat sich politisch einiges verändert, aber für allgemeine Informationen über die Länder, die wir durchqueren, kann man ihn meist gut gebrauchen. Wir biegen also auf eine Piste ein, der wir 80km folgen werden. Anfangs ist die Piste gut, wir kommen schnell voran. Dann wird sie immer schlechter, der Igl schaukelt sich über die vielen Ausspülungen und Schlaglöcher, es knarrt und kracht im Fahrwerk. Robert schimpft. Über den Igl, der von vielen Reisenden so in den Himmel gelobt wird, der uns aber ständig Ärger macht. Über die Werkstatt, die ihn für viel Geld nur halbherzig repariert hat. Über die afrikanischen Mechaniker, die ihr Handwerk durch Nachahmen erlernen und oft mehr kaputt machen als zu reparieren. Über mich, weil ich die neuen Stoßdämpfer nicht kaufen wollte, bevor wir losfuhren, sie jetzt aber brauchen würden und nicht besorgen können. Über die afrikanischen Regierungschefs, die sich die Taschen vollstopfen, aber nicht mal eine ordentliche Straße bauen können. Und so weiter.
Seit Tagen schimpft er. Immer wieder sage ich, dann lass mich fahren. Seit gefühlt 10.000km sage ich das. Ich fahre den Igl gerne, bin aber auf dieser Reise insgesamt vielleicht 20 Kilometer gefahren. Robert sagt, er langweilt sich als Beifahrer. Er hat keine Lust, sich die ganzen digitalen Kartenwerke reinzuziehen. Er fährt gerne, ich muss nicht fahren. Alles klar, OK, sage ich. Immer wieder. Robert schimpft weiter. Ich verstehe das schon. Das ständige Lauschen nach neuen Geräuschen im Fahrwerk zermürbt. Das ewige Anhalten, Decke raus, drunterschauen, wieder ein Gummi kaputt, wieder eine Schraube los, nervt. Und ehrlicherweise ist es natürlich Robert, der bei 40 Grad und sengender Sonne oder bei strömendem Regen am Wagen Schrauben muss, wenn keine Werkstatt in der Nähe ist, während ich im Internet nach Lösungsansätzen und Informationen suche. Aber das ständige Murren zerrt auch an meinen Nerven und immer öfter sage ich, hör auf zu Maulen, lass mich halt fahren. Aber bisher hat er immer gesagt, nein, das ändert ja auch nichts.


Naja, am Ende sind wir dann in Dinguiraye angekommen und die blöde Moschee ist natürlich nicht mehr mit Gras gedeckt, sondern von irgendeinem ehrgeizigen Imam in Beton nachgebaut worden. Nicht sehr beeindruckend. Aber nun sind wir einmal da und dürfen oh Wunder auch beide hinein, also rein da. Alles voll mit Teppichen, ein großer Kronleuchter an der Decke. Ein paar Männer liegen in der Kühle des Gebäudes und schlafen. Andere beten. Ich frage, wo die Frauen beten. Ich werde aus der Hintertür der Moschee herausgeführt, da gibt es 50 Meter entfernt einen mit Gittern abgesperrten gesonderten Raum. Sind auch Teppiche drin. Der ist für die Frauen. Dass sie von dort den Imam nicht sehen können. Geschenkt. Dass sie ihn aber auch nicht hören können, finde ich sehr eigenartig. Nach 30 Minuten beenden wir die Besichtigung, bedanken uns herzlich, kaufen auf dem Markt noch ein wenig Grünen Tee und machen uns auf den Rückweg. Auf halber Strecke stöhnt Robert, hält an, steigt aus und sagt, OK, fahr Du.



Wir tauschen die Plätze und ich fahre los. Nach 10 Kilometern halte ich an, es stinkt nach Gummi, das Hinterrad qualmt. Was ist los? Bremsen fest? Oh weia, ich habe die Handbremse nicht richtig gelöst und sie hat die ganze Zeit mitgeschliffen. Die Felgen hinten sind glühend heiß, der Qualm hört lange nicht auf und ich bin am Ende froh, dass ich nichts in Brand gesetzt habe. Na prima, das ist ja ein guter Start. Schweigens steigen wir beide wieder ein, ich löse die Handbremse, versichere mich nochmal, dass sie wirklich gelöst ist und werde auch auf den kommenden Kilometern alle 2 Minuten njach der Handbremse greifen und überprüfen, dass sie wirklich gelöst ist. Mist halt, wenn im Cockpit nicht angezeigt wird, dass sie nicht vollständig gelöst ist. Aber ist ja nochmal gut gegangen. Seit diesem Tag ist Robert übrigens nur noch in wenigen ganz brenzligen Situationen gefahren und genießt das Beifahrersein sehr. Obwohl der Igl nach wie vor Knarzt und scheppert und sich bei jeder kleinen Hule aufschaukelt, stört ihn das als Beifahrer nicht mehr sehr und ich bin auch viel entspannter seit ich fahre. So bricht irgendwie auch eine neue Etappe der Reise an. Robert schaut aus dem Fenster, macht Fotos, ich fahre Anfangs noch mit 10Stundenkilometern, später schneller die Buckelpisten entlang und wir haben beide zusehends bessere Laune.

 

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