Durch die Casamanche III

Von Abene über Kafountine nach Gambia


Wir sind immer noch mit Emmanuel und Milu unterwegs. Emmanuel wird in Cap Skirring von seinem mittlerweile zweiten Malariaanfall heimgesucht. So verweilen wir bei Omar, bis er sich ein wenig erholt hat und es Zeit wird, den Passavant in Ziguinchor zu verlängern. Dort erhalten wir nach einiger Diskussion leider nur einmalig 15 Tage Aufenthaltsverlängerung für die beiden Wagen, so dass wir – anders als angedacht – uns nicht das neue Grundstück vom Kes Kes in Djembereng ansehen, sondern gleich weiter in den Norden fahren. Die Strecke von Cap Skirring nach Ziguinchor ist übrigens wahnsinnig schön. Sie führt durch palmenumsäumte Feuchtgebiete. Wasser- Grün- und Erdflächen wechseln sich ab und machen aus der Landschaft einen blau-grün-braunen Flickenteppich. In den Wasserflächen spiegelt sich die Sonne und erzeugt glänzende Reflexionen.


Wir landen, auf unserer hartnäckigen Suche nach einem schönen Stellplatz direkt am Strand, etwas nördlich von Abene, in Nianfrang in einer Düne. Dort verbringen wir unfreiwillig die nächsten 3 Tage, denn als Emmanuel den Magirus eine kleine Düne hinauffahren möchte, tut es einen Schlag und der Antrieb funktioniert nicht mehr. Gar nicht mehr. Dauert 24 Stunden bis wir herausgefunden haben, dass die Verbindung zwischen Kardanwelle und Getriebe der Übeltäter ist. Hier ist ein Flansch abgerissen. So mitten in der Düne stehend ist das eine unangenehme Nachricht, aber – es hätte schlimmer kommen können. Fantasien vom Ausbau des Getriebes hatten uns dazu bewogen, das Angebot einen Mechaniker zum Magirus zu bringen, auszuschlagen und stattdessen lieber einen Traktor aufzutreiben, der den Maggi in die nächst gelegene Werkstatt abschleppt.

Den findet Emmanuel auch am kommenden Tag. Aber schnell wird klar, dass die Kraft des Traktors nicht ausreicht, um den schweren LKW quer durch die Dünen herauszuziehen. Genau genommen bewegt er sich keinen Zentimeter von der Stelle, obwohl der Fahrer so stark Gas gibt, dass der kleine Fiat Traktor vorne abhebt und sich hinten eingräbt. Am Abend vorher war ein Jeep die Sandpiste entlang gekommen und hatte die Nummer eines Mechanikers dagelassen. Den rufen wir jetzt Not gedrungen doch an. Er kommt und empfiehlt, den LKW in seine Werkstatt ziehen zu lassen. Den passenden Abschlepp-LKW holt er bis zum späten Nachmittag. Der hängt den LKW an, gibt Gas und reisst sich ebenfalls den Antriebsflansch ab. Nun stehen zwei LKWs ohne Antrieb im Sand. Der Mechaniker beschließt, sich das Problem nun doch vor Ort genauer anzusehen. Er löst die Kardanwelle vom Getriebe und findet den abgerissenen Flansch. Er repariert beide LKW notdürftig, so dass sie aus der Düne herausfahren können und will das Teil am nächsten Tag schweißen lassen.

Am späten Nachmittag ist es schließlich so weit. Beide LKW sind fahrtüchtig für die kurze Strecke. Emmanuel lässt an, rollt los und rums, ist das Provisorium schon wieder durch. Der Mechaniker verschwindet mit dem Mopedfahrer, um den Flansch schweißen zu lassen. Er kommt mit einem ordentlich geschweißten Flansch zurück, setzt den ein, schraubt alles an und fertig. Nur die passenden Schrauben gibt Emmanuels Reisewerkstatt nun nicht mehr her. Die hatte der Mechaniker alle für sein Provisorium verbraucht. Außerdem ist die 50er Mutter, die Getriebewelle und Flansch verbindet, hinüber. Und dummerweise gibt es beide Ersatzteile, wie sich am nächsten Tag herausstellt, in der ganzen nördlichen Casamanche nicht. So fährt der Mechaniker am übernächsten Tag bis nach Gambia, ohne Erfolg. Also schraubt er die alten Schrauben und die lädierte Mutter vorerst wieder rauf. Zum Glück dauert es nicht mehr lange, bis Emmanuel Besuch von Kati aus Berlin bekommt, die bereits eine lange Liste von Kleinteilen zum Bestellen und Mitbringen durchgegeben bekommen hat. Nun also auch noch eine Schraube und die Mutter. In Deutschland kein Problem. Rechner an, Autoteile24, eingeben, aussuchen, bestellen, fertig nach 5 Minuten. Bestellung innerhalb von 3 Tagen da.



Emmanuel muss für diese Aktion ganz schön tief in die Tasche greifen. Der Traktorfahrer, der LKW Fahrer, das Moped Taxi, der Mechaniker, die Jungs, die den ersten Mechaniker samt Traktorfahrer verständigt haben und die ganze Zeit vor Ort abgehangen und gekifft haben – alle wollen bezahlt werden. Und weil Europäer ja grundsätzlich reich sind, möglichst nicht zu knapp. Was soll man da tun? Ohne die kleine Helferarmee würde der LKW noch dort stehen wo das Teil abgerissen ist. Andererseits wäre in Deutschland der einzige, den man bezahlt hätte wohl der Mechaniker gewesen, denn alle anderen konnten das Problem nicht mal ansatzweise lösen. Also: ein LKW samt Fahrer und Besitzer, der zum Abschleppen kam, aber nicht abgeschleppt hat. Ein Traktor samt Fahrer, der den LKW nicht einen Zentimeter bewegen konnte. Ein Mechaniker mit Mopedtaxi, der das Problem nicht identifizieren konnte. Ein Mopedtaxi, das keiner bestellt hatte, aber trotzdem den ganzen Tag da war. Und dann noch zwei kiffende Jungs, die den ganzen Tag im Schatten herumgehangen haben, aber die Telefonnummer vom ersten Mechaniker und vom Traktorfahrer kannten (der, der das Problem nicht lösen konnte). Was sich lustig anhört ist in Westafrika Alltag. 10 Leute versuchen frei von Sachkenntnis oder Aussicht auf Erfolg ein Problem zu lösen, verschlimmern die Situation oft noch, halten aber am Ende die Hand auf und wollen bezahlt werden. Sind ja schließlich 10 Stunden da gewesen und hätten inzwischen 10 andere lukrative Jobs machen können. Versteht mich nicht falsch, die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Westafrikaner sind einzigartig, aber ihre wirtschaftliche Not ist wegen des einfach nicht vorhandenen Arbeitsmarkt für ungelernte Kräfte meist so groß, dass sie jede Gelegenheit nutzen, um ohne großen Aufwand an ein wenig Geld zu kommen. Ach, ich vergass, natürlich hatte keiner der Anwesenden etwas zu Essen oder Trinken dabei, weshalb Robert alle mit Brot, Sardinen und Wasser versorgt hat. Auf seine Kosten.


Aufgrund der exorbitanten und völlig übertriebenen Höhe der geforderten Honorare bezahlt Emmanuel nur murrend alle Beteiligten und wir setzen unsere Suche nach dem erträumten Stellplatz am Meer fort. Zunächst weiterhin mit mäßigem Erfolg. Zwischen uns und dem Meer liegt immer eine Düne, hinter der sich entweder ein tiefer Wassergraben anschließt oder Privatgrundstücke die Piste vom Wasser trennen. Normalerweise gibt es immer einen Weg, der bis an den Strand führt, aber in diesem Fall führt auch dieser nicht zum Erfolg, denn selbst wenn wir hier irgendwo durchkämen treibt die Flut das Wasser direkt bis an die steile Düne heran, so dass kein Streifen übrigbleibt zwischen Wasser und Dünenkante. Also wieder nichts. Im Starkregen finden wir schließlich eine Sandpiste, die zu den Strandhäusern einiger Europäer hinaufführt, die nur zur Saison da sind. Noch ist Regenzeit und damit Nebensaison und so liegen die Häuser verlassen da. Direkt zwischen Piste und Gartenzaun gibt es einen kleinen Streifen, der breit genug ist, dass zwei Wagen dort stehen können und genau dort bleiben erst einmal stehen. Am nächsten Tag suchen wir die rund 50 Kilometer lange Küste systematisch nach einem Stellplatz am Meer ab, aber ohne herausragenden Erfolg. Die Gegend ist wunderschön und die Vegetation abwechslungsreich, aber wo Pisten zum Strand führen, da liegen Lodges oder Einfamilienhäuser, oft von Europäern erbaut und nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Emmanuel verweilt während unserer Suche in der Werkstatt und wartet zu dem Zeitpunkt noch auf die neue Mutter und die Schraube.



Südlich von Kafountine werden wir schließlich fündig. Wir durchqueren die Stadt, fahren am Fischhafen vorbei, lassen einige Lodges hinter uns und schließlich finden wir den ersehnten Zugang zum Strand. Am Ende der Piste liegt eine einst elegante Lodge. Heute ist sie verlassen. Die Hütten und der Swimmingpool sind noch da, die angelegten Wege gesäumt von farbenprächtigen Büschen und Bäumen sind Zeugen der vergangenen Eleganz, aber vermutlich ist bereits seit 2 oder 3 Jahren kein Betrieb mehr. Alles verfällt. Nur ein paar Fischer und Muschelsucher sowie ein Europäer, der sich hier eine Privatvilla gebaut hat, wohnen noch an der nahen Lagune. Das Gelände endet direkt am Strand, nur eine kleine Betonmauer trennt die Lodge vom Sand. Und da gibt es zwei Durchgänge, die genau breit genug sind, dass wir uns hindurchquetschen. Also Luft ablassen und los geht’s, 500, 600, 700 Meter direkt über den Strand, bis wir schließlich an einer breiten Stelle zum stehen kommen. Endlich. Strand. Meer. Ruhe. Keiner, der Geschenke will oder Wasser oder ein Handy oder Fußbälle oder einfach nur Hallo sagen und dann stundenlang stehen bleibt und schweigt oder die immer gleichen Fragen stellt nach Europa und ob wir ihn mitnehmen können, nach Arbeit, nach Geld, nach Hilfe bei irgendwelchen meist erfundenen Import Export Geschäften zwischen Europa und Afrika.


Manchmal haben wir das dringende Bedürfnis uns von den freundlich vorgetragenen Begehrlichkeiten der Westafrikaner abzuschotten. Das geht nur räumlich. Denn nachdem wir gefühlt 1000 Mal erklärt haben, dass wir uns weder mit Visaangelegenheiten auskennen, noch einen Arbeitsmarkt für die meist nicht schulisch gebildeten jungen Männer, kurz, sie sind Analphabeten und haben die Schule nicht besucht, in Deutschland sehen, noch in ein dubioses ImportExport Geschäft einsteigen werden und damit doch nur ihre Träume genährt haben, statt sie mit unseren Argumenten zu entkräften, haben wir verstanden, dass es den jungen Männern nicht um Räson geht. Sondern um Träume. Und das wir für sie ein gutes Omen für die Realisierung ihres Traumes sind. Dass sie das Gefühl haben, einen Schritt darauf zuzugehen, indem sie uns ansprechen und vortragen, was sie vorhaben im fernen Europa, in dem sie frieren werden und wenn, dann nur schlecht bezahlte Arbeit finden werden. Wo sie kein Asyl erwarten können und das Geld auch nicht auf den Bäumen wächst.



Entweder also mietet man sich irgendwo ein und verlässt das Gelände nur zum Brot kaufen oder man lässt die Zivilisation so weit hinter sich, dass kaum noch jemand vorbeikommt. Hier, südlich von Kafountine, kommt tatsächlich einfach keiner vorbei. Und so genießen wir eine Woche lang die Ruhe des Ortes. Gehen baden, sammeln wie die Muschelsucher Muscheln am Strand und essen sie dann abends auch gleich, kaufen den wenigen Fischern leckeren Butterfisch ab und essen ihn dann abends auch gleich, essen Brot, so lange das Brot reicht und gehen dann zum Brotbacken und Eierkuchen über, bis wir das Land verlassen müssen.


Auf nach Gambia.

6 Kommentare zu „Durch die Casamanche III

  1. Hallo Ihr beiden!

    hier wieder einmal viele Grüße von Eurem „Kurzbesuch“ am Salaa-Wasserfall. Immer wieder schön, aus Eurer Perspektive von Gegenden zu hören, die ich auch besucht habe. Vielen Dank dafür!

    P.S.: Wolltet Ihr nicht Weihnachten wieder in Deutschland sein? 😉 Bin mittlerweile seit Mai zurück in, aber die Sehnsucht lässt mich schon wieder neue Afrika-Pläne schmieden – obwohl ich manchmal selbst gar nicht so genau weiß, warum ausgerechnet wieder Westafrika! Liebe Grüße & safe travels! Thomas

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    1. Huhu Thomas, habe heute Fotos von Dir aus det Casamanche auf facebook angesehen. Schön! Ich traue mich ja selten, so direkt im Treiben zu fotografieren, aber Deine schönen bunten Fotos mag ich gerne! Wir werden erst Mitte des Jahres wieder in Deutschland sein. Gerade sind wir im Wunderland Mauretanien. Fantastisch hier! Jederzeit wieder. Ob wir nochmal nach Westafrika fahren würden? Eher nicht. Die Welt ist groß und es gibt noch so viel zu entdecken….

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